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Björk

»Medúlla«

[Polydor / Universal / VÖ: 30.08.2004 ]

Text: Ulrike Puth, Ulrike Puth
[3 Kommentare]

Eine Platte machen – das kann jeder, das passiert dir mal, wenn du nicht gut genug alle Aufnahmegeräte versiegelst. Aber eine wirklich erfolgreiche, künstlerisch über die erste Euphorie hinaus relevante Plattenkarriere, die muss gestaltet werden. Björk-Alben besaßen dabei schon ganz früh neben der offenen Verletzlichkeit und der partiellen Naivität auch die Ambition, sich dem Primat von Elektronik hinzugeben. Dadurch entstand ein nicht unwesentlicher Anteil der Spannung von ›Post‹ bis ›Vespertine‹. Zuletzt arbeitete sie folgerichtig auch mit Laptop-Indie-Cracks wie Kretschmann (Console) und den Irren von Matmos zusammen. Die Folge waren immer noch knisperige Sounds, immer noch advancedere Momente, die sich in ihrer Kühle mit Björks bebender Stimme aufregend bissen.

Die direkte Folge beim Hören war das Treffen auf harte Kanten. Die langfristige Folge dieser Elektrik-Fetisch-Spirale ist nun ›Medúlla‹. Denn Björk stoppt diese Bestrebungen der Abstraktion und beschränkt sich in der Wahl der Mittel. Elektronisch hat sie eine Meisterschaft erreicht. Aber es soll dennoch weitergehen. Blick auf: Organisches, auf Menschliches. Anfänglich wirkt der Höreindruck noch gar nicht so speziell, so besonders. Denn Björk unterzog ihr Songwriting keinem derart beachtlichen Relaunch, das befindet sich noch auf dem träumerisch, somnambul schmerzhaften Status von ›Vespertine‹ und den wunderbaren ›Selma Songs‹. Aber bald, nach der Hälfte spätestens, setzt sich die Erkenntnis durch, dass im Hintergrund kein Zirpern, kein Knacken den Rhythmus antreibt, sondern man hört auf die Stimmen. Die größtenteils die Songs tragen. Mal wie Samples, mal weiblicher Eintongesang, der eine Keyboardtaste imitiert, mal ein Stöhnen, das den Beat nachahmt. Das gerinnt nie zum Kunsthandwerk, das ist nicht ›Alles Mit’m Mund‹ von den Prinzen. Das ist ein sehr kunstvolles Projekt, strebt mehr zum bildungsbürgerlichen Kanon als zum reinen Pop und bleibt immer spannend. Eine mutige, eine schöne Platte.



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aus Intro #121 (Oktober 2004)
 
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  • User: udbert
  • udbert 24.09.2004 | 09:22:22

    es ist in der tat "Alles mit'm Mund", gottseidank aber nicht von den prinzen. aber hier werden halt schon nachgesungene elektronische musik und 'archaisch' einstimmige reduktion auf text und melodie präsentiert. elektronisch nachempfunden, wie auch bereits im interview gesagt. genauso wie bei den prinzen und den wise guys, nur eben anders, schöner und verquerer, und mit mehr einigungspotenzial für diese spezielle hip-crowd.

    fand das review ansonsten eigentlich ganz zutreffend...

  • User: interzeptor
  • interzeptor 24.09.2004 | 13:20:27

    in dem review bezeichnet die frau puth die jungs von matmos ja als "die irren". das finde ich schon ziemlich krass.
    ansonsten gibts hier ja schon 'nen ziemlich ausführlichen thread zu medúlla. es gab ja ewig kein intro-review zum album. frau puth scheint entsprechend nicht der schnellen truppe anzugehören.
    ...jaja, ich weiß ja nicht, wann sie damit beauftragt wurde...

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