BEWERTEN
 

Klee

»Jelängerjelieber«

[Modernsoul / Ministry Of Sound / Edel / VÖ 11.10. / VÖ: 18.10.2004 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Sebastian Ingenhoff

Suzie Kerstgens, ihres Zeichens Sängerin von Klee, ist unter uns Kölnern als recht exzentrische Hupe verschrieen. Wenn Suzie in das Moloch Stereo Wonderland hineinstolpert, pardon, schwebt und den Gästen ihre neuesten Kunststücke vorführt, dann hupt der ganze Laden! Inmitten von zerbrochenen Bierkrügen und vandalisierenden Ledernacken steht Suzie mit ihrem pikaresken Grinsen, ihr Fuß ruht auf einer der breiten, Whiskey-gestählten Männerschultern, und sie wackelt dabei würdevoll trunken hin und her. Und das ist nur eine der zahlreichen Suzie-Posen. Multo bene, lauter Rock-Heten und mittendrin die zugekölschte Suzie, denken wir neutralen Beobachter uns immer wieder aufs Neue und fiebern verliebt mit.

Wenn die DJs dann Suzies Lieblingslied (›Laura‹ von den Scissor Sisters) auflegen, dann gibt es kein Halten mehr, dann geht es nur noch steil. Polizei, Ordnungsamt, Krawalle und Liebe, und wenn dann irgendwann die Revolution ausgerufen wird, dann ist alles aus, dann weiß hinterher auch keiner mehr, ob jetzt Kommunismus, das totale Armageddon oder sonst irgendeine Parallelwelt aufgezogen ist! Man merkt, bei Suzie- und Klee-Beschreibungen schwingt eine Menge an Lokalkolorit mit. Unter der Woche geht sie aber brav zur Arbeit und werkelt zusammen mit ihren beiden Zampanos Sten und Tom an neuen Klee-Songs.

Nachdem Klee vor knapp einem Jahr mit ihrem Debüt ›Unverwundbar‹ die Feuerprobe noch nicht so ganz bestanden hatten, das Album war gerade im Vergleich zu der großartigen vorab erschienenen Single ›Erinner Dich‹ eher mau, erscheint jetzt also ›Jelängerjelieber‹. Die Platte beginnt, wie hätte es anders sein sollen, mit einem Manifest. Das Stück heißt ›Für Alle, Die‹ und ist der beste Popsong, den die drei jemals geschrieben haben, auch wenn man mal das Oeuvre der aus fast den gleichen Mitgliedern bestehenden Vorgängerband Ralley hinzuzieht. Der Song ist textlich das Gegenmodell zum zynischen ›Müssen Nur Wollen‹ von Wir Sind Helden: »Das hier ist für alle, die sich verliern, die in der Freiheit der Freiheit nicht kapituliern ...« Sogar Hartz der IV. würde hier wohl rührselig werden ob des dargebotenen Kampfgeistes. Die Songs leben von Akustikgitarre, sanften Pianoklängen und werden angetrieben von einer weichen Bassdrum; Snare und Hi-Hat halten sich zunächst bewusst im Hintergrund, sodass sich musikalisch gesehen streckenweise Vergleiche zum ›Testament Der Angst‹-Album von Blumfeld aufdrängen. Man muss ja auch schließlich nicht immer rocken wollen. Und es wird eine Menge an musikalischem Zitatpop feilgeboten: Man hört – ähnlich wie schon bei ›Erinner Dich‹ – den typischen New-Order-Bass, und es wird sich bei The Cure (›Unser Film‹ basiert auf ›Just Like Heaven‹) bedient. Im Gegensatz zum Debüt ist ›Jelängerjelieber‹ eine Platte, die wächst, deren tolle Momente sich nicht unbedingt beim ersten Reinhören offenbaren. Und es ist eine sehr melancholische Platte, die sich aber bemüht, nicht mit einem Wimp-Gestus zu hantieren. Schön ist auch zu sehen, dass Klee ihre stellenweise aufgesetzt wirkende kindliche Naivität scheinbar hinter sich gelassen haben. Zumindest bis Freitag, dann geht die alte Rampensau nämlich wieder steil.



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aus Intro #121 (Oktober 2004)
 
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