BEWERTEN
 

The Hidden Cameras

»Mississauga Goddam«

[Rough Trade / VÖ: 12.07.2004 ]

Text: Jan Kedves, Jan Kedves

Um es direkt vorwegzunehmen: Der große Verdienst des dritten Albums der Hidden Cameras ist es, Musik zum Mann zu machen, endlich mal. In der Regel geht man ja davon aus, Musik sei eine Dame, so wie fast alle anderen Künste auch. Diesen Eindruck bekommt man nicht nur im Deutschen, sondern auch in anderen Sprachen: la musique, la musica und so weiter. Nun hat die englische Sprache aber die Eigenheit, Musik nicht eindeutig zu gendern. So kommt es, dass ein homosexueller Kanadier – richtig: gemeint ist Joel Gibb, der Vorsteher der Hidden Cameras – ohne Probleme singen kann: ›Music Is My Boyfriend‹, sprich: dass er das lang ersehnte schwule Update zu John Miles’ altem Gassenhauer ›Music Was My First Love‹ liefern kann und Musik somit sogar richtig aufsext.

Warum sollte Musik nicht auch mal Haare auf dem Rücken, eine Morgenlatte und üblen Mundgeruch haben? »I washed his dirty underwear, he made me toast / Music filled my mug with vaseline, I gave him a choke«, singt Gibb, es klingt ganz beiläufig und lapidar. Begleiten lässt er sich dabei wieder von den pompösen Streichern, den satten Orgeln, den Pauken und Trompeten, die im letzten Jahr bereits das Album ›The Smell Of Our Own‹ auszeichneten – welches bekanntlich nicht nur die einschlägige Homo-Mafia von den Pet Shop Boys über das Butt Magazine bis zu Bruce La Bruce begeisterte, sondern auch den Spiegel und die Süddeutsche applaudieren ließ. Auf ›Mississauga Goddam‹ gibt es nun abermals die sich in endlosen Wiederholungen ergehenden, strukturell fast schon an Pornofilme erinnernden Kirchenlieder, deren Aufgabe es ist, schwulen Sex wieder dorthin zurück zu bringen, wo er mal herkam: in den Dreck. Heraus aus dem angepassten, rundum epilierten Muskel-Saubermann-Mainstream, dorthin, wo noch mit Pisse gespielt wird, wo Jungs tatsächlich noch Jungs sind und wo trotz Klistierballons braune Flecken auf Bettlaken geraten. Wer die Hidden Cameras verstehen will, sollte bereit sein, sich in solch vermeintliche Niederungen zu begeben. Die Offenheit, mit der Joel Gibb seine Sujets besingt, ist jedenfalls – nicht zu verwechseln mit den Sujets selbst – hardcore und im positiven Sinne schamlos. Das Schlagzeug, und mit ihm Gibbs Vibrato, galoppieren dann streckenweise derartig hastig, als wollten sie Moralaposteln, die sich zur Verfolgung berufen fühlen, erst gar keine Chance geben. Nicht zuletzt trägt das Album ja, passend zur »gay church folk music«, dem musikalischen Konzept der Band, eine deftige Gotteslästerung im Titel. Auf dass Gibb und seine Mitstreiter heil davonkommen mögen.



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