BEWERTEN
 

Broken Social Scene

»You Forgot It In People«

[Arts & Crafts / Alive / VÖ: 17.05.2004 ]

Text: Tobias Mull, Tobias Mull

Dieser erste Satz kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass mir kein guter Anfang für diese Kritik eingefallen ist. Wirklich nicht. Aber ich kann halt weder deepe Storys über meinen Mann Venker erzählen noch irgendwelche Geschichten über die Band. Zum einen bin ich hier neu, und zum anderen würden die spärlichen Fakten über die Band auf eine völlig falsche Fährte führen, da die Musik so gar nicht die Erwartungen der Eckpunkte Kanada, Do-Make-Say-Think/Godspeed-Umfeld, Musikerkollektiv erfüllt. Also kein Soundtrack zur Apokalypse. Kein instrumentaler Progrock-Irrsinn. Keine 20-minütigen Sektionen. Nein. Vielmehr klingt das in ihrer Heimat schon 2002 veröffentlichte zweite Album ›You Forgot It In People‹ von Broken Social Scene wie ein freundlich strahlendes Mixtape auf CD.

Reingereicht von dem Typen mit der richtigen Plattensammlung. Und vorne drauf steht ganz fett »POP«. Denn war der Vorgänger ›Feel Good Lost‹ noch eine rein instrumentale Übung in meditativem Gitarrenshrink, gibt die Band hier nun alles. Die Indiegitarren bekommen einen Popanstrich mit ordentlich Gebläse, der Postrock lernt das Rocken und die Band das Singen. Ihren Pop spielen Broken Social Scene dabei naiv und abgeklärt zugleich. Auch schaffen sie den oft schwierigen Spagat zwischen Sound und Song. Ohne Opfer auf beiden Seiten. Und nur mit den besten Zutaten. ›Almost Crimes‹ z. B. klingt, als würden Sonic Youth zusammen mit Wayne Shorter und den Strokes einen Song von The Dismemberment Plan spielen, auf ›Looks Just Like The Sun‹ und ›Shampoo Suicide‹ überraschen soulige Backgroundgesänge, und mit ›Lover’s Spit‹ zelebriert die Band eine Ballade, ergreifender noch als ›Feeling Yourself Disintegrade‹ von den Flaming Lips. Dazu erinnert ›Anthems For A Seventeen Year Old Girl‹ mit seinem Banjo-Gestolpere und den verfremdeten Stimmen an die besten Momente der Beta Band, und ›Stars And Sons‹ featurt eine Basslinie, für die nicht nur New-Wave-Bands liebend gerne einen Schrein basteln würden. Und diese Handclaps erst. Herausragend auch das luftige Instrumental ›Pacific Theme‹ und die verhuschte Jazzballade mit Posaunensolo ›I’m Still Your Fag‹. Und das alles mit einer sauber dreckigen, lebendigen und sehr räumlichen Produktion, die selbst Dave Fridman fragen lässt: Wie zum Teufel haben sie das gemacht? Kurz gesagt: ein Meisterwerk. Ein Meisterwerk in Pop. Und ein wahres Indie-Mixtape-Masterpiece dazu. Diese Kritik erschien bereits vor diversen Ausgaben bei uns als Spektakel. Mittlerweile ist die CD nicht mehr nur als Import sonder regulär erhältlich. Daher diese Wiederholung als Reminder.



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