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Johnny Cash

»My Mother’s Hymn Book«

[American / Polydor / Universal / VÖ: 13.04.2004 ]

Text: Felix Scharlau, Felix Scharlau

Was aus Sicht der jüngeren Generation bei Johnny Cash in den letzten Jahren seines Lebens die Differenz zwischen Superstar und (lediglich) großem Musiker ausmachte, dürfte sein hohes Maß an Idealisierbarkeit gewesen sein. Bei Cash war ja einfach alles cool: dreißig Jahre Drogenabhängigkeit. Dissidentes Verhalten gegenüber der alteingeschworenen Nashville-Country-Gemeinde. Gefängniskonzerte und zahlreiche Komplettfilmrisse. Im Zuge dieser popkulturellen Verherrlichung wurden bei Cash für alle Hörer ab Mitte-Links weitgehend marginalisierte Werte akzeptierbar, die in anderem Zusammenhang, sagen wir bei Alanis Morissette, nur Ekel hervorriefen: Spiritualität und Familiensinn zum Beispiel.

Wie wichtig gerade diese beiden Eckpfeiler in Cashs Leben waren, macht u. a. seine nach wie vor fantastische Autobiografie ›Cash‹ deutlich, in der lang und breit vom Singen auf Baumwollfeldern, von Familienzusammenhalt und Armut die Rede ist. Auch die zweite Ehe mit June Carter, die Kelly-Family-gleich aus einer zutiefst religiösen, fahrenden Musikerfamilie stammte, ist so alles andere als ein Zufall. Und dass Cash kurz vor seinem Tod ›My Mother’s Hymn Book‹ als sein Lieblingsalbum bezeichnete, kommt da eben auch nicht unerwartet. Denn hier singt er gänzlich alleine zu einer Akustikgitarre die Gospel-Standards, die er schon in seiner Kindheit sang. Dass der Unterschied zu den noch vor seinem Tod veröffentlichten ›American Recordings‹-Alben, die ja neben Traditionals auch all die heißen Pop-Cover enthielten, minimal ist, unterstreicht aber zugleich, dass Johnny Cash auch, wenn nicht sogar vor allem ein großer Musiker war. Bei ihm klingt eben erst einmal alles nach Cash, was sich anderswo nach Nine Inch Nails oder eben Pfarrer Tolk aus dem Konfirmandenunterricht anhört. Es wird in den nächsten Monaten mit Sicherheit sehr viel überflüssigere Cash-Alben geben, auch wenn ›My Mother’s Hymn Book‹ bereits als Teil des ›Unearthed‹-Box-Sets veröffentlicht wurde und somit für Hardcore-Fans als Solo-Release keine Relevanz hat.



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