BEWERTEN
 

Scissor Sisters

»Scissor Sisters«

[Polydor / Universal / VÖ: 31.10.2006 ]

Text: Martin Riemann, Martin Riemann

In den Siebzigern gab es mal diesen total absurden dePalma-Film ›Sisters‹. Die Protagonistinnen dieses Streifens waren siamesische Zwillinge, die eine süß und bezaubernd, die andere bösartig und mordlustig. Klar, die beiden haben es irgendwann nicht mehr zusammen ausgehalten und ließen sich trennen. Bei der Operation starb eine der beiden Schwestern. Das Problem war nur, dass man nicht so ganz genau wusste, welche. Na ja, die Folge dieser ganzen Verwirrungen war jedenfalls, dass jemand ein Küchenmesser in den Rachen gestoßen bekam. Mit dem ersten Longplayer der Scissor Sisters, die bereits mit ihrer Coverversion von ›Comfortably Numb‹ für großes Hurra gesorgt haben, verhält es sich ähnlich.

Sind die lieb, oder kommen die in Wirklichkeit aus Norwegen und beten Satan an? Das Ganze ist so fies sauber und makellos aufgenommen, dass man zunächst denkt, die restlichen Bee Gees, Elton John, Georg Michael und Barry White hätten sich zusammengetan und ein paar gut gestylte New Yorker gecastet, um böse lachend die Musikwelt von hinten aufzurollen. Doch Moment! Nein, die Gibb-Brüder würden nie einen Song ›Filthy / Gorgeous‹ oder gar ›Tits On The Radio‹ nennen, und Elton John würde niemals diese gurgelnden, unanständig rülpsenden Computerfiepsereien erlaubt haben. Barry vielleicht, aber Elton? Eher setzt der eine von Fielmann auf! Der erste Verdacht wird schnell Gewissheit. Da wird im einschmeichelnd glatten Falsett-Gesang jugendgefährdendes Zeugs gesungen und ›Music Is The Victim‹! Die vertonen doch bestimmt Tierpornofilme und nennen es Musikvideo. Live reißen sich diese Scissor Sisters dann endgültig die Maske vom Gesicht. Der Sänger, der tatsächlich auch in persona diesen schwülen Gesang perfekt rüberbringt, besteht vermutlich zu 85% aus Kokain, und seine Lieblingsbeschäftigung ist, in totaler Ekstase seine eigenen Muskeln abzuknutschen, während der Rest der Band den Saal mit infernalisch durchsexualisierten Disco-Stompern zum Kochen bringt. Ja, die ganze Sache ist geil janusköpfig und zu fantasiereich und heiß, als dass es sich hier um einen Jux handeln könnte. Und wenn, bin ich nicht der Einzige, der darauf reingefallen ist, denn das hier ist ein todsicherer Tanzflächenfüller. Auf dass der Schweiß von der Decke tropfen möge.



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