BEWERTEN
 

Pendikel

»3«

[BluNoise / FinestNoise / Alive]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Dirk von Tocotronic hatte behauptet, man habe sich auf ›This Boy Is Tocotronic‹ am Artrock von Bands wie Soft Machine orientiert. Die erste deutsche Band jedoch, die für sich in Anspruch nehmen darf, Artrock wieder adäquat umgesetzt zu haben, sind Pendikel. Es ist schon phänomenal, wie das Breitwand-Format von Bands wie Godspeed und Mogwai hier zusammen mit ebenso elegischen wie bombastischen King-Crimson-Momenten inklusive deutschen Texten, die unter anderem von Damenrädern handeln, zusammen geht. Aus dem bubenhaft zurückhaltenden Gesang klingt sehr viel schlaksige Wimp-Weichheit, die eigentlich so gar nicht zu aufwühlenden Mellotron-Passagen passen will und gerade deshalb für einen betörenden Kontrast sorgt.

Die fast schon selbstzerfleischende Bescheidenheit, mit der Pendikel in ihrem Presseinfo darauf verzichten, sich selbst zu verorten, und lakonisch anmerken, dass es neben der Fertigstellung ihrer dritten Platte »eigentlich nix Neues« gebe, ist angesichts dieser sensationell eigenartigen Veröffentlichung fast schon unverschämt. Wer die Kraft hat, sich so etwas Schillerndes wie die Verschmelzung von Siebziger-Schwelg-Rock à la Grobschnitt mit der Verhuschtheit von S.Y.P.H. zur ›Wieleicht‹-Phase vorzustellen, bekommt einen leisen Eindruck von diesem Monolith von betörender Unwahrscheinlichkeit, an dessen Machbarkeit niemand vor seiner Materialisierung geglaubt hätte. Abgesehen vom Hit ›Rausgehen, Rocken Und Zerstör’n‹, dessen ewige Wahrheit nach einer Wimp-Variante der Boxhamsters klingt, bauen Pendikel, deren Vorgänger noch etwas unelegant als Emo beschrieben wurde, an architektonisch ziemlich wackeligen Schichtungen, bei denen Pathos immer wieder von Momenten absoluter Zerbrechlichkeit abgelöst wird. Die manchmal an Tomte erinnernden Texte mit ihrer Mischung aus Jungs-Befindlichkeit und Wut haben da zu einer Form gefunden, die nach der verbotenen Rezensenten-Floskel »kongenial« geradezu schreit. Weil es Genies aber nur im Märchen und im Mythos gibt, bedarf die Schwärmerei gleich einer Korrektur: Pendikel machen auch das Fehlerhafte, Unfertige, Suchende und Tastende hörbar, sind also alles andere als unangreifbar oder souverän und gerade deshalb so besonders, so wichtig, so zwingend.



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