Morrissey
»You Are The Quarry«
[Sanctuary / Rough Trade / VÖ: 17.05.2004 ]
Text:
Sebastian Ingenhoff
[3 Kommentare]
Es gibt Menschen, die können von außen dein ganzes Leben verändern. Dann triffst du sie, und es macht bumm – du bist zudem noch verliebt. Du wirfst all deine dir vorher mühsam angeeigneten Werte und Normen über die Reling. Man nennt das: die zweite Sozialisation. Was vorher höchstens geil war, ist jetzt das Geilste, denn unterhalb des Superlativs beginnt von da an schon das Nichts. Als 1985 die ›Meat Is Murder‹-Platte herauskam, war das für mich so ein Moment. Ich war sieben. Ich weiß noch, wie ich zum Vegetarier wurde. Wie wir in der großen Pause mit den Rädern rüber sind zum McDonalds und die ganze Buttersäure in den Schornstein geworfen haben, volle Kanone auf die Herdplatte und in die ganze Küche, wir kleinen Racker.
Jetzt hat der stolze Gockel wieder mal gebrütet. Um es vorwegzunehmen: ›You Are The Quarry‹ ist eine echt gute Platte geworden, die beste seit ›Vauxhall & I‹, soweit man das nach einmaligem Hören (Listening-Session only) sagen kann. Sie ist ruhig und reduziert, aber beileibe nicht das spröde Alterswerk eines degenerierten Mannes. »This world, I am afraid is full of crashing bores and I am not one«, heißt es in einem Song. Der hat immer noch Wut im Bauch. Die Welt ist ein karnevalistisches System, das wusste schon Thomas Bernhard vor einem halben Jahrhundert, und auch Morrissey hat das immer schon geschluckt. Der gallige Humor ist ihm nicht abgegangen. »She told me she loved me which means she must be insane«, croont er dann mit einer Selbstverständlichkeit, dass einem angst und bange wird. Die Songs sind eingängig, aber sehr getragen. Es gibt wenig Ausbrüche nach vorne. ›The First Of The Gang To Die‹ ist so einer, der wohl beste Song der Platte, und bei der Listening-Session im Hilton Hotel merkte man auch, dass in den Augen der anwesenden Kollegen etwas aufblitzte, in Gedanken wurden unisono die Fäustchen gereckt. Leider habe ich vergessen, den Text mitzuschreiben, weil der Song so geil war, aber ich glaube, der Text war auch gut. Die Single zum Album heißt ›Irish Blood, English Heart‹ und ist leider eines der schwächeren Stücke. Es ist wohl Morrisseys Antwort auf den Eklat, den er damals provoziert hat, als er auf einem Festival in England ›National Front Disco‹ performt hat, den Union Jack um die Schultern gelegt. Die Zuschauer machten ihm ziemlich klar deutlich, dass er doch bitte von der Bühne gehen möge, auf eine Art und Weise, gegen die der Mia.’sche Eierwurf neulich ein echter Lausbubenstreich war.
Morrissey hat sich nie wirklich dazu geäußert, was die einen Ignoranz, die anderen Naivität nennen. Vielleicht hätte er klarstellen sollen, dass es sich, wie so oft, um ein zynisches Statement gehandelt habe. Jetzt also das: »This is what I am made of, there is no one on earth I am afraid of and no regime can buy or sell me.« In dem Lied träumt er den Tod von Labour und Tories und bespuckt Oliver Cromwell. Und mit dem Union Jack hat er seine Kritiker erhängt. Übrigens hat Morrissey angekündigt, während seiner USA-Tour sämtliche Fleischbuden von den Venues verschwinden zu lassen. Er sagt, es sei heuchlerisch, ›Meat Is Murder‹ zu singen inmitten des Gestanks von Hamburgern und Hot Dogs, der Gute. Mitte Mai gibt es dann auch einen Gig in Deutschland. Der Meister des lyrischen Zynismus ist also zurück. Zum Schluss noch einmal ein kurzes ›Ich – wie es wirklich war‹. Denn natürlich habe ich noch nicht mit sieben Jahren schon die Smiths gehört, das war wohl etwas geflunkert, aber man darf die persönliche Geschichtsschreibung ja mal zu eigenen Gunsten hin verfälschen. Letztens traf ich nämlich einen wirklichen Helden meiner Kindheit: Slash von Guns’n’Roses – ohne Scheiß – im Kölner Stereo Wonderland, der war auf Promotour für seine neue Band. Er fragte mich, wo das Klo sei. Und warum ich denn so schwul aussähe auf einmal. Der konnte es nicht verstehen. Ich grüße die 2b der Gemeinschaftsgrundschule Tönisberg, die Klasse von 1985.
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JanTourismo 01.11.2004 | 01:59:36
Wer seine "roots" angeben muss, hat es immer schwer. Ich habe mich mit mir irgendwann darauf geeinigt, es sei Morrissey, der mich musikalsisch maßgeblichst beeinflusst hat. Jetzt habe ich ihn - nicht zuletzt nach dem ein oder anderen NME-Artikel - als Relikt seiner selbst schon so gut wie abgeschrieben gehabt. Auch im Freundeskreis war meine Chance, das "Große-Helden-Battle" jemals zu gewinnen in weite Ferne gerückt. Da muss Morrissey sich seit Jahren mit Veröffentlichungen von The Cure und David Bowie messen und ich habe IMMER schlechte Karten gehabt. Jetzt bringt Moz dieses tolle Album auf den Markt. Und dazu kommt noch, dass Cure mit ihrem aktuellen Release nicht einmal die Kritiker überzeugen und Bowie statt mit einer neuen Platte durch eine Bypass-Operation glänzt.
Man merkt - der Glanz der alten Zeiten ist gar kein Glanz mehr, aber ICH komme dieses Jahr scheinbar noch zu meiner Gelegenheit, in unserem Freundeskreis-Star-Battle EINMAL der lachende Sieger zu werden.
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