Jens Friebe
»Vorher Nachher Bilder«
[ZickZack / Indigo / VÖ: 29.03.2004 ]
Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
[11 Kommentare]
»Wo war unsere Verbindung? Welcome. Willkommen an Bord. Die Maschine wird es finden, ein dreckiges Wort. Und. Und denk dir irgendeine Farbe. Wünsch dir irgendeine Zahl. 19 year old red head, das ist deine Wahl. Und du? Du verliebst dich in Gespenster« (›Gespenster‹).
Als Anfang der 90er-Jahre Blumfeld plötzlich so präsent in unseren Leben waren, waren es hauptsächlich die Texte von Jochen Distelmeyer, die den Diskurs rechtfertigten. Die Musik selbst war, wie sagt man so schön, handwerklich solide gemachter (Punk) Rock. Die Band erschien auf What’s So Funny About. Dem Label, das auch die Heimat von Jens Friebe geworden ist – wenn da nun ZickZack draufsteht, dann hat das eher was mit Steuerrecht zu tun oder anderen unwichtigen/wichtigen Gegebenheiten.
Damit aber genug der Worte über das Drumherum. Schließlich muss erst noch der Beweis geleistet werden, dass uns hier ein ganz großes Album vorgelegt wurde – was nicht schwer fällt. Friebe hat für seinen ersten Soloentwurf (früher spielte er u. a. in der Bum Kun Cha Youth und bei Parka) gleich zwei namhafte Produzenten gewinnen können: Armin von Milch und Tobias Levin (Cpt. Kirk &. u. a.). Und so unterschiedlich die beiden sind, der eine steht für den besten 80er-Pop-Entwurf der 90er, der andere ist einer der ganz Großen der Hamburger Songschule, so homogen ist ›Vorher Nachher Bilder‹ trotzdem ausgefallen. Das Album wird vom äußerst prägnanten Songwriting Friebes zusammengehalten. Seine Texte – zwischen eingängiger Jugendsprache, dem Dreschen von Codes und Slogans, von Klischees und anderem nahe Liegenden, sowie subtilen, sehr, sehr fein gesetzten Wortlinien – kommen wie an die Musik gekettet. Egal, ob nun ein 80er-Pop-Song abgerufen wird oder dramatische Boheme-Melancholie. Friebe arbeitet sich auf den meisten der elf Songs an Beziehungen ab, wobei er, ganz der kokette Dandyboy, der er ist, außen vor lässt, ob es hier nun um hetero oder homo geht. Ist auch egal. Was zählt, ist die Lakonie, mit der hier die ewigen Dramen performt werden. Zum Beispiel beim ersten Stück ›Gespenster‹ – die Stimme leicht gebrochen, gestützt vom dezenten Synthiepop. Wow. Mit ›Bring Mich Zum Wagen‹ verlässt er die Ebene der vagen, parapsychologischen Bilder, spricht die Tragik, das Scheitern der privaten Entwürfe direkt an: »... Vor diesem Augenblick haben wir uns gefürchtet wie ein Kind vor dem Tod seines Tiers. Alles riecht nach Abschied nehmen und dem Zeug, das du dir immer in die Haare schmierst.« Mit ›Dann Sagst Du Auf Wiedersehen‹ drehen sich die (Macht-) Verhältnisse um, es bleibt aber die immer gleiche Leere, die entsteht, wenn ein gemeinsamer Traum zu Ende geht. Eine Leere, die den Raum zu füllen schafft. Denn mit den kleinen Beziehungen sind die Themen auf ›Vorher Nachher Bilder‹ nicht ausgereizt. Von der Politik des Privaten aus werden die drei anderen großen Schlachtfelder – Kritik am ›Deutschen Kino‹ (angepeitscht von seiner Boheme-Existenz in einer mit sich wichtig nehmenden Schauspielern verseuchten Metropole, zielt Friebe auf das große Bild und ignoriert die natürlich nicht vorhandenen Gegenbeispiele, aber: akzeptiert), Kritik an der deutschen Popmusik (›Lied Ohne Botschaft‹) und Revolution – angegangen. Und gleich mit ›Wenn Man Euch Die Geräte Zeigt‹ wird eine lähmende Angst formuliert, die Angst vor der Schwäche der eigenen Leute. Das (dank Spex-Sampler) bereits seit einigen Monaten herumgeisternde Stück ist so was wie der tragische Hit und das zentrale Moment auf dem Album (auch wenn ›Gespenster‹ als erste Single ausgewählt wurde). Der Beat setzt dramatisch ein. Das Piano begleitet ihn – und ›Somebody‹ von Depeche Mode schaut als Referenz vorbei. Genau wie auch mal die Magnetic Fields. »Ich habe heute Nacht geträumt, ihr wärt bei mir und draußen sei der Feind«, singt Friebe und fügt nicht den großen Appell zum gemeinsamen Kampf an, sondern thematisiert das no-no, die lähmenden Zweifel, die Angst, sich seinen Freunden nicht öffnen zu können, da deren Schwäche auf der Hand liegt, wenn es drauf ankommt. Ein Bild, das man so wohl nur als Endzwanziger zeichnen kann, wenn die Unbeschwertheit, der Sturm und Drang der Dekade zuvor so langsam, aber sich von der Realität eingeholt wird. Aber es ist keineswegs wie in dieser neuen grässlichen Show auf Kabel1, wo man rausbekommen muss, ob die (Leidens-) Geschichten der anderen stimmen, und am Ende beide gewinnen könnten, wenn, ja, wenn sie sich nur vertrauen würden (was sie natürlich nie tun ...). Nein, so ist es in Friebes Welt nicht.
Er konfrontiert uns einfach nur mit dem Problem, dass alle integrieren wollen, nicht Stärke als entscheidendes Moment der Zugehörigkeit zu sehen unser Axiom ist (und bleiben muss), dass es aber einfach nicht so leicht ist, im Angesicht des Feindes alle wirklich teilhaben zu lassen. Nicht zuletzt die Aufbereitung der RAF-Geschichte und der Bewegung 2. Juni zeigt uns, wie sehr Gruppen im Verlauf ihrer Existenz ihre Mitglieder selbst in Frage stellen. Es bedarf nicht immer einer Stasi. Wir sind leider viel zu oft unsere eigene. Aber auch: Manchmal muss man tragischerweise wirklich schweigen zu Leuten, denen man sich doch öffnen will. Diesen Widerspruch nennt man wohl Leben. Wenn Friebe im Clip zu ›Gespenster‹ (gedreht von Miriam Stein) mit seinen Freundinnen und Freunden in einem leicht düsteren Ambiente tanzt und einfach nur da ist, dann zeigt er aber auch, dass er noch immer an die Möglichkeit der Unmöglichkeit glaubt. Gerne leicht geschminkt und mit verschmiertem Lippenstift, denn Style und der Kampf, das passt nicht erst seit Baader-Meinhof zusammen.
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Reverend 28.04.2004 | 14:21:40
war immer aufrichtig
"Style und der Kampf, das passt nicht erst seit Baader-Meinhof zusammen."
Venker wieder mal in seiner eigenen, ulkigen Welt. Da halluziniert sich einer den Pop-Widerstand mit anderen Mitteln herbei, wo doch eigentlich nur Pop ist. Und glorifiziert dabei (aus Anlass eines Videoclips, herrjeh!) aufs Lächerlichste die RAF, was mindestens genauso schlimm ist wie deren historisierende Verteufelung durch die bürgerlichen Medien.
Bei solchen Freunden braucht Friebe wirklich keine Feinde mehr.
schunkel 28.04.2004 | 14:47:30
Thomas Venker sieht auf den Kochen-Bildern immer voll süss wie der dicke Baader in diesem beknackten RAF-Fäntäsy-Mode-Streifen "Baader" aus.
Sonja Müller 29.04.2004 | 10:35:53
uh, schlimmer film. den hatte ich glatt verdrängt.
marco fuchs 29.04.2004 | 13:24:35
immer mensch geblieben
prada-meinhof auf all meinen wegen. wir rauchen che-zigaretten (che ist der sänger von rage against the machine) und lassen uns immer wieder gerne ins stammheim einweisen. baader hat ja auch diese geilen hits für rio reiser geschrieben. schuss! gehalten! warum ist der schleyer so gut aufgelegt?
grrr 29.04.2004 | 14:39:17
Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
das soll rio sein? das habe ich
mir aber viel größer vorgestellt!
marco fuchs 29.04.2004 | 14:43:43
immer mensch geblieben
das ist maschinengegenwehr.
schunkel 29.04.2004 | 14:45:41
@Sonja
Auf dem korrekten Stoff kann der Film sehr inspirierend sein. Auch bei Schreibblockade.
grrr 29.04.2004 | 14:51:28
Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
lassen sie mich arzt, ich bin durch.
der sanfte terrorismus im kopf
ist doch das schlimmste...
marco fuchs 29.04.2004 | 14:53:52
immer mensch geblieben
wie man sieht, kommt es offensichtlich auf den kopf an.
UweB 08.05.2004 | 14:20:46
Nee das sind Folgewirkungen der geistig-moralischen Wende 1982 - 1998.
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