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Diverse

»Agenda 2010«

[Postfuck / Lado / Rough Trade]

Text: linus volkmann, linus volkmann

&
Notaufnahme
Popagenten / Soulfood

Macht hat, wer Deutungsmacht hat. Der Begriff »Agenda Zwanzig Zehn« sollte einst von seinen Erfindern aufgeladen sein mit Perspektive, Vertrauen, Bewegung und ein bisschen Science-Fiction. Schnell aber verband das gemeine Volk damit nur noch mäßig getarntes Unbill, das sich gegen sie und ihre kleinen Privilegien richtete. Im hochemotionalen Streit, wie der Begriff denn nun besetzt sei, freut sich hier der Dritte. Der, der sich immer freut: P!O!P! Der nimmt sich seiner an, und verbunden mit neuen coolen Post-Electroclash-Acts bedeutet ›Agenda 2010‹ auf einmal wieder, und das nicht ironiefrei, so was wie: Science-Fiction BRD.

Die Umdeutung ist bei dem neu gelaunchten Label dabei eindeutig punkig zu verstehen. Wobei Punk, um im Bild zu bleiben, mittlerweile nur noch so was wie den grünen Koalitionspartner von SPD-POP darstellt. Immerhin gelingt hier eine Compilation, die einem Spaß und Distinktionsgewinn verpasst. Schließlich wird nicht rückblickend zusammengefasst, sondern auf den Punkt und aus der Froschperspektive (schließlich stecken Postfuck mittendrin) abgeschöpft, was wirklich gerade geht. Besoffen Besinnliches und Überschwängliches wie Spillsbury oder Saalschutz haben genauso Platz wie die Acts der Stunde Die Türen, Von Spar, Das Bierbeben oder Mediengruppe Telekommander. Hier fühlt man sich super aufgehoben. Und wird mit Punk-Gesten und hektisch eingängigen Sounds gepleast.

Das Gleiche kann man über ›Notaufnahme‹ nicht sagen, wenngleich die Bandauswahl mitunter Überschneidungen aufweist. Denn hier kommen genau jene Codes zum Tragen, oder sind sogar ausschlaggebend, die dazu führen, dass Typen wie Thees Uhlmann auf dem Pflaster vor einer Kneipe fußballchormäßig skandieren: »Ich hab Hauptstadt-Hass!« Denn ›Notaufnahme‹ spricht von Frisören und Trendläden, bei denen ein Proto-Typ der Serie bereits lanciert wurde. Und vor allem steigt man voll auf den Hype der Elenden ein und untertitelt frech ›Elektropop Bis Discowave – Modern, Rasant, In Deutsch‹. Das Branding macht die Musik. Und das riecht faulig nach Gunst der Stunde. Zumal, wenn eine weitere Artist-Veröffentlichung für den Herbst angekündigt wird von einer Elektro-Pop-Band, die erst seit kurzem auf »in Deutsch« umstieg und die sich zuvor nicht zu blöd war, auch noch Lounge auf Samplern wie ›Erotic House‹ zu veröffentlichen. Nun. Die Weide will abgegrast werden. Und sobald solche Tendenzen abzusehen sind, muss das Ende schon mitgedacht werden. Bis 2010 wird sich dieser Sound also nicht halten. Das ist klar. Dafür sorgen wir und tausend andere schon mit unserer vulgären Verwertungslogik. Aber natürlich sollte man nicht immer gleich die Verwerfung eines Trends vor seiner Postulierung ausrufen. Das ist eitel und unlauter. Daher sage ich: So klingt der Moment. Entweder als linksverträgliche Subversions-betonte Postfuck-Grünen-Version oder in der weniger zimperlichen SPD-, pardon, Popagenten-Zusammenstellung mit der Betonung auf »in Deutsch«.



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