BEWERTEN
 

The Beta Band

»Heroes To Zeros«

[Regal / Labels / Emi / VÖ: 26.04.2004 ]

Text: Markus von Schwerin, Markus von Schwerin
[4 Kommentare]

Die Beta Band hat es in der Vergangenheit nicht sonderlich geschätzt, wenn man sie auf Vorbilder festnageln wollte. Zu Recht, denn die Musik, die sie seit rund sieben Jahren produzieren, unterscheidet sich grundlegend von den beflissen-ehrfürchtigen Sixties-Kopien, mit denen Großbritannien immer noch überschüttet wird. Was die vier Schotten, die sich nach ihrer London-Episode wieder für ein Leben an der Küste entschieden haben, jedoch mit den oft zitierten Pop-Göttern neben den Anfangsbuchstaben eint, ist die Fähigkeit, ein ideenreiches Werk zu erschaffen, das auch nach dem x-ten Hördurchlauf spannend bleibt. Dabei muss einmal mehr das Hohelied auf die vereinfachte Aufnahmetechnik des 21.

Jahrhunderts (Pro Tools usw.) angestimmt werden, die es erlaubt, alle Einfälle unabhängig vom Ort zu sammeln, auszutauschen und zu ergänzen. Dadurch ist eine neue Qualität kontinuierlicher Bandarbeit entstanden, die – mangels tickender Studiouhren (die fungieren hier nur als Sound-Effects) – eine Autonomie ermöglicht, von der etwa Pete Townsend seinerzeit nur träumen konnte. Damit wäre nun doch eine Referenz genannt, die sich beim Hören des dritten Beta-Band-Albums (bzw. vierten, wenn man die ›3 EPs‹-Sammlung mitzählt) positiv aufdrängt und beim jüngsten Intro-Interview sogar Zustimmung findet. (»Certainly an influence for our rhythm section, but the complete sound of The Who anyway was great.«) Dabei sind es oft die in Vergessenheit geratenen Seitenpfade der Who’schen Welt, an die ›Heroes To Zeros‹ erinnert: die frühen Synthesizer-Experimente auf ›Quadrophenia‹, die ruhigen Stücke, die Townsend oft selbst einsang, oder die wundervolle Verschrobenheit des einzigen Thunderclap-Newman-Albums. Wie etwa in ›Space‹, wo nach einer wall of sound aus Elektro-Blubber-Bass und Can-artigem Trommelgewitter Sänger Steve Mason unvermittelt ein sehsüchtiges »Can it be?« in den Raum wirft, um sogleich mit unbeschwertem »La la la« das tapfere Schneiderlein zu geben. ›Easy‹ – ebenfalls an zwei Schlagzeugen dargeboten – bringt sogar Captain Beefheart mit Adam & The Ants zusammen. Und das psychedelische ›Wonderful‹ hat aufgrund seiner genialen »Pink Floyd am Froschteich«-Atmosphäre wirklich kein anderes Attribut verdient. Der noch zu vergebene Preis des humanistisch wertvollen Popsongs ginge aber in jedem Fall an ›Simple‹, was zugleich die Frage aufwirft, weshalb sich eigentlich Julian Cope diesen Pokal wegschnappen lässt. Doch das Stück liefert gewissermaßen schon die Antwort: »I tried to do my own thing, but the trouble with your thing is: you end up on your own.« Steve Mason hat seine Schlüsse daraus gezogen und beherzigt mit seinen Kollegen, die er vor zehn Jahren als Croupier auf einer Fähre (sie jobbten dort als Koch und Folk-Comedy-Duo) kennen gelernt hat, das Gruppenprinzip, während Cope seit einiger Zeit einsam am Irrlichtern ist. Schade für Julian, doch nicht nur seinen Fans dürften die schottischen Fackelträger überaus willkommen sein. Kurzum: die beste Platte aus UK, die 2004 bislang erschienen ist.
Noch drei Fragen an die Beta Band, beantwortet von John Mclean (keys, sampling) und Rich Greentree (b):
Einige der neuen Stücke wie die Single ›Assessment‹ nehmen Bezug auf weltpolitische Veränderungen. War es eure Absicht, in euren Texten fortan konkreter zu werden?
R: Wenn es da ein politisches Moment herauszuhören gibt, dann bezieht sich das aber eher auf so eine allgemeine Dringlichkeit, die wir spüren und wiedergeben. Es gibt sicher bei uns keine konkreten Texte über die neue Weltherrschaft. J: Steve setzt sich nie hin und schreibt am Stück einen Song und nur über ein Thema.
Auf vielen Stücken kommen gleich zwei Schlagzeuge zum Einsatz. Dieser Tribal-Sound war ja vor über zwanzig Jahren das Markenzeichen von Adam & The Ants.
R: Schöne Unterstellung. Das war ja auch die Lieblingsband unseres Sängers. Vor allem, als Steve jünger war, war er absoluter Fan. Heute noch trägt er diese zu kurze weiße Jacke mit den Buttons.
An welches frühe Pop-Erlebnis könnt ihr euch am lebhaftesten erinnern?
J: ›Pass The Dutchie‹ von Musical Youth mit riesigen Kopfhörern über den Plattenspieler meiner Eltern zu hören. Und dabei zu versuchen, den Text genau zu verstehen.
R: Ich habe alte Damen schockiert, die zu uns zu Besuch kamen, indem ich in Sirenenlautstärke das Intro von The Moves ›Fire Brigade‹ aufdrehte. Aber meine erste Platte war ›Cool For Cats‹ von Squeeze.



Artikel kommentieren
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 
  • User: carty
  • carty 29.04.2004 | 21:10:00

    gefällt mir mit jedem hören besser. finde sogar so langsam, dass es ihr angenehmstes album ist. für die anderen brauchte man immer die stimmung dafür. insgesamt eine ziemlich runde sache. schön!!

  • User: hayes
  • hayes 29.04.2004 | 21:15:30

    kann mich dieser meinung anschließen.

  • BritPopper 30.04.2004 | 00:07:46

    ich schliesse mich euch an, die platte dringt erst nach dem dritten hören ein. Dann macht sie spass und ist ziemlich rund. Sie haben es endlich geschafft.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
 
Anzeige
 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •  
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.