BEWERTEN
 

Tortoise

»It’s All Around You«

[Thrill Jockey / Rough Trade / VÖ: 05.04.2004 ]

Text: Ulrich Kriest, Ulrich Kriest

Restinteresse oder doch eingebaute Bedeutsamkeit? Legt man die Reaktionen im Freundes- und Bekanntenkreis auf das neue Album der »Postrock-Heroen« (ein Paradoxon, ich weiß!) Tortoise zugrunde – zumeist handelte es sich entweder um bestenfalls aus Höflichkeit artikuliertes Interesse oder aber um schulterzuckende Indifferenz, weil gerade Franz Ferdinand oder gar, hoppla, die Einstürzenden Neubauten auf der Tagesordnung stehen –, dann meint Postrock floggin a dead horse. Vielleicht gestorben an einer Überdosis kreativer Unübersichtlichkeit. Wo Tortoise um 1994 auf überschaubarem Terrain (Gastr Del Sol, The Sea And Cake, Trans Am) agierten, ist doch längst eine global ausdifferenzierte und widersprüchliche Szene gewachsen.

Da muss man mal auf den Tisch hauen: Auf dem Promoblatt zum fünften Album ›It’s All Around You‹ findet sich die putzige Anmerkung, dass man sich trotz solch illustrer Nebenprojekte wie Brokeback, dem Chicago Underground Duo/Trio, A Grape Dope und The Sea And Cake nicht darüber täuschen lasse solle, dass es sich bei Tortoise um das Zentrum der musikalisch-ästhetischen Anstrengungen der beteiligten »visionären« Musiker handelt. Klingt wie Pfeifen im Wald, doch das Album selbst belehrt uns rasch eines Besseren. Fast eine Dreiviertelstunde dauert die sonische Erfahrung ›It’s All Around You‹, die »auf dem Papier« aus zehn Tracks besteht. Da aber die Übergänge zwischen den Tracks verwischen und einzelne Stücke wahrnehmbare Breaks aufweisen, ist das Album eher ein kontinuierlicher Flow, der diesmal stark auf die dialektische Kombination von catchy Signalen (bzw. Signalen für Catchiness) und deren Auflösung in spieltechnische Irritation setzt. Ein gutes Beispiel für diese Verfahrensweise ist ›The Lithium Stiffs‹ mit der verführerisch Air’esken Stimme von Kelly Hogan, einer polyphonen Rhythmussektion und den geradezu hymnischen Pianoakkorden, die von fern an das Intro von ›Tears Of A Clown‹ von Smokey Robinson & The Miracles erinnern. Diese Musik ist also irritierend reich und getränkt von Referenzen in die Popgeschichte, ohne dabei jemals in den Geruch von eindimensionalem Zitatpop zu kommen. Man kann sich daran erfreuen, wie eine Melodielinie zwischen Gitarre und Vibraphon changiert, ohne deshalb »Zappa« (trotz der Hookline von ›On The Chin‹!) rufen zu müssen.

Hier beginnt genau heavy Gitarrenfeedback à la King Crimson im Songfundament zu wühlen, wenn die Keyboardflächen einen kaum erträglichen Grad an Sweetness erreicht haben (›Crest‹). Fast scheint es, als wollten Tortoise uns in Erinnerung rufen, welche Popqualitäten Prog-Rock einmal gehabt hat, und welchen enormen Preis der Vereinfachung man zahlt, wenn man sein Material auf Pophit frisiert. Im Booklet findet sich hierzu passend eine Kurzgeschichte über ein Mädchen, das auf der Suche nach der perfekten Erdbeere all die anderen Früchte dieser Welt verabsäumt.

Statt einer negativen Exklusion auf der Suche nach dem perfect Beat gibt es hier noch immer das zu hören, was der Band immer schon als Ausgangsmaterial gedient hat: Bluesrock, Jazz, Dub, Kraut, Minimal, Clicks & Cuts – alles verwoben zu einem zumeist fast luftigen Resultat. Dieser fortdauernde Eindruck von Lässigkeit ist insofern erstaunlich, als das lineare Erzählverfahren der frühen Tortoise jetzt in der Druckkammer Studio rapide komprimiert wurde. Schließlich gilt: Wozu soll man 80 Minuten Musik veröffentlichen, wenn man dasselbe in der Hälfte der Zeit unendlich interessanter erzählen kann? Dazu aber noch drei Fragen an John Herndon:
Mit welchen konzeptionellen Vorüberlegungen gehen Tortoise ins Studio?
Na ja, Pre-Conception ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen. Sagen wir mal so, wir haben uns diesmal etwas vorbereitet, bevor wir ins Studio gingen. Douglas [McCombs] macht beispielsweise immer das jeweils letzte Album zum Ausgangspunkt, um etwas Neues zu entwickeln. Für das neue Album bedeutete das: Wohin können wir nach ›Standards‹ noch gehen? Es bedeutet aber auch: Wie hören wir ›Standards‹ heute? Es sollte also eine Differenz geben, aber auch eine Spur, die von dort ausgeht. Aber vielleicht ist das Wichtigste, dass wir auf einer Song-to-Song-Basis arbeiten. Um ein Beispiel zu bringen: Da gibt es einen bestimmten Drum-Sound, den ich erinnere oder auf Platte mit ins Studio bringe. Da geht es dann um so Dinge wie: Wie bekomme ich diesen Drum-Sound hin? Wie machen die das, dass das so klingt? Wir registrieren die Dinge, die um uns herum geschehen, inwieweit wir sie als Bezugspunkte nutzen können.
Verglichen mit Postrock regiert ja aktuell wieder der simple Rock der The-Bands. Ist das ärgerlich?
Die Kids haben doch immer Rock’n’Roll gemacht. Tortoise haben nie Wert darauf gelegt, hip zu sein. Natürlich sehen wir, wie sich Moden ändern, merken es auch ökonomisch. Aber wenn wir darauf reagieren würden, könnten wir keine Kunst mehr produzieren. Wir würden eine Marke. Coca-Cola. Klar würde ich mir eine Welt wünschen, in der möglichst viele Menschen vorurteilsfrei und jenseits von Moden und Trends unsere Musik hören würden. Dass die Kids oder die Leute, die uns 1995 hip fanden, heute The Strokes hören, war zu erwarten. Das wird den Strokes auch passieren. Wir versuchen weiterhin, Quality Music zu machen, die zu Tortoise passt. Ob die Leute das dann konsumieren oder nicht, ist deren individuelle Entscheidung.
Frank Zappa hat mal rhetorisch gefragt: »Does humour belong in music?«
Absolutely! Aber wir sind keine Joke-Band, bei der die Witze wichtiger sind als die Musik. Unser Spiel mit Referenzen ist nicht ironisch. Sagen wir mal so: Es gab sicher Sessions, die extemporierten, bis wir lachend aufhörten und sagten: »Das können wir so nicht bringen!« Aber diese Augenblicke blieben auf dem Studioboden liegen und die Musik auf dem Album, ist die Musik, die es schaffte.



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