BEWERTEN
 

Phoenix

»Alphabetical«

[Source / Labels / Emi / VÖ: 26.03.2004 ]

Text: Markus von Schwerin, Markus von Schwerin

Gehört das Pop-Jahr 2004 den Franzosen? Zumindest ist es mit der neuen Air und dem Zweitwerk von Sébastien Tellier schon mal gut angelaufen. Letzterer nannte auf die Frage nach seiner derzeitigen Lieblingsmusik neben Outkast und Stevie Wonder die neue Phoenix-Platte und pries sie als »sicherlich eines der besten Alben der 2000er-Jahre«. Während seine eigene jüngste Arbeit (›Politics‹) das zuvor latent Humoristische nun richtig hervorhebt, fehlen auf ›Alphabetical‹ jegliche augenzwinkernde Verweise auf eher unhippe Endsiebziger-Spielarten, mit denen das Phoenix-Debüt ›United‹ noch gespickt war: keine Thin-Lizzy-Gitarren und super Drumming-Anwandlungen wie in ›School’s Rules‹, weniger Disco-infizierter US-Rock-Pop à la Fleetwood Mac und nicht mehr das versierte Genre-Hopping zwischen Country, Funk und Hard Rock (›Funky Squaredance‹).

Stattdessen jede Menge Fingerpicking auf Akustikgitarren, weit nach vorn gemischte HipHop-Beats und ein melancholischer Unterton, der sich durch das gesamte Album zieht. Kaum ein Lied, in dem Thomas Mars Jr. nicht die Verflachung persönlicher Beziehungen beklagt. Das große Erwachen nach zwei Jahren »im härtesten Business der Welt« (Knarf Rellöm)? »Things are going to change, but not for better / Don’t know what it means to me, but it’s hopeless, hopeless / Tried to take you home / It could be with anyone ...«, heißt es gleich am Anfang in ›Everything Is Everything‹ und im Laufe des Songs immer wieder »This is what you want / This is what you get instead.« Konzept-Alben, die mit den bekannten Mechanismen im Alltag einer erfolgreichen Popband abrechnen, gibt es zwar schon einige (mit Cockney Rebels ›Psychomodo‹ und ›Lola Versus ...‹ von den Kinks seien zwei gelungene genannt), doch selten wurde dabei die Anklage so gegen sich selbst gerichtet wie auf ›Alphabetical‹.

Dass solch Selbstbezichtigungen auf vertraut laszive und zum Tanz auffordernde Weise dargeboten werden, verstärkt dabei nur den Effekt zwischen Euphorie und Verzweiflung. Eine delikate Mischung, in der sich bereits John Lennon (auf ›Walls & Bridges‹), Al Green (dessen ›Love & Happiness‹ die Vorlage für Phoenix’ ›Victim Of A Crime‹ gegeben haben dürfte) und nicht zuletzt die Bee Gees als Meister erwiesen. An Letztgenannte erinnert vor allem der Refrain im Stück ›(You Can’t Blame It On) Anybody‹, das zudem mit freundlichen Kalimba-Klängen, raffiniert eingesetzten Gesangs-Samples und einer instrumentalen Reprise begeistert. Lediglich das rhythmisch vertrackte ›I’m An Actor‹ lässt das Gefühl aufkommen, einen beinahe identisch klingenden Song schon auf dem letzten Alfie-Album gehört zu haben, und wirft die Frage auf, ob das Pariser Quartett, das über ein Dutzend nachgewachsener Bands geprägt haben dürfte, mit seinem Zweitwerk vielleicht doch etwas zu lange gewartet haben könnte. Die verbleibenden neun Stücke geben dann aber der Binsenweisheit, das gut Ding eben manchmal Weile haben will, doch Recht. Zumal Phoenix die Hilfe von Koproduzent Tony Hoffer (zuletzt Turin Brakes und The Thrills) erst in Anspruch nahmen, nachdem sie ›Alphabetical‹ komplett im Heimstudio fertig gestellt hatten. Ein Produktionsrhythmus, der bereits Steely-Dan’sche Ausmaße angenommen, dafür aber auch vergleichbar gute Resultate (›If It’s Not With You‹ und ›Holdin’ On Together‹ sind da klare Referenzen) hervorgebracht hat.



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