BEWERTEN
 

Mia.

»Stille Post«

[R.O.T. / Sony / VÖ: 08.03.2004 ]

Text: Bernd Seidl, Bernd Seidl

»Ich will, dass sich die Lager spalten«, sang Mieze auf dem Debüt ›Hieb Und Stichfest‹ noch locker. So einen Satz hört man ja meistens bei dem letzten Konsensschrott, der sich irgendeine durchgekaute Ex-Provo-Feder an den Hut gesteckt hat und nun glaubt, er sei oberst brisant. Mia. kann man dagegen wohl kaum vorwerfen, ihre Provokation sei bloße Kulissenschieberei. Denn kaum wer spaltete und spaltet die Lager gerade so wie die Berliner Konzept-Band. Dabei tritt die Teilnahme am Vorentscheid des ›Grand Prix‹ sogar noch in den Hintergrund im Vergleich zu der ›Angefangen‹-Idee von Mia. und ihrem Label R.O.T., bei der es um die Neubesetzung des Betreffs deutsch geht (obwohl die mögliche Teilnahme für Deutschland bei einem Songcontest natürlich nicht losgelöst von dem Thema Nation zu sehen ist).

Nun, dazu gab es im letzten Heft ein langes Gespräch mit der Band und einen Bericht über die stattgefundene Podiumsdiskussion. Darauf sei verwiesen, wenn hier gesagt wird: Jetzt geht es um die Musik und die neue Platte. Beides ist nämlich eine Klasse für sich. Fürs Protokoll: Bekannt sein dürften vielen die Vorab-Auskopplung ›Was Es Ist‹ und der Grand-Prix-Hit ›Hungriges Herz‹, dem sich wirklich kaum zu entziehen ist. Quasi der ultimative Ohrwurm. Vermutlich sogar für Feinde der Band. Darüber hinaus gibt es mindestens noch zwei Single-Hits mit dem Opener ›Komm Mein Mädchen‹ und ›Sonne‹. Ersteres beschwört das solidarische Mädchen-Sein herauf – und Sängerin Mieze wirkt dabei eben nicht, als genösse sie blöde die Rolle der begehrten Henne im Korb voller Spacken, sondern singt für ihre Geschlechtsgenossinnen, für das Durchhalten in Testosteronien. Ganz toller Titel, erinnert musikalisch noch am ehesten an den NDW-Punk der ersten Platte, aber auch hier zeigt sich schon der Weg hin zu den neuen poppigeren Ufern. Überhaupt ist die Platte weniger Neon-haftig und auch weniger getragen von hysterischem Herzschlag. Aber mal zurück zum weiteren potenziellen Hit ›Sonne‹. Max Freudenschuss gestand jenem Track im letzten Heft ja nicht zu, dass er tatsächlich tabubrecherisch sei, indem er das Altern in einem so grellen Pop-Zusammenhang wie Mia. thematisiere. Freudenschuss empfand ihn eher als nabelschauige Wasserstandsmeldung einer narzisstischen Band. Schade. Denn in meinen Augen funktioniert er weit darüber hinaus. Der romantische Versatz von Zeilen wie »Süßer Vogel Jugend / komm wir tanzen, komm wir fliegen ... wir brechen ein Tabu / wir werden älter« ist herausragend und beweist doch auch, dass die Mia.-Inszenierung nicht nur Affirmation darstellt, sondern auch Altruismus meint. Sicher mag auch jener eine naive Konstruktion sein, aber Künstlichkeit ist doch keine Schande, sondern die Vollendung von Kunst. Na ja, nach dem dritten Glas Champagner zumindest. Neben den hier genannten vier Liedern finden sich noch sieben weitere. Die man unbedingt gehört haben sollte. Wer diese Band nicht hasst, muss sie für die Songs auf ›Stille Post‹ lieben. Und wird das auch tun.



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