BEWERTEN
 

Superpitcher

»Here Comes Love«

[Kompakt / Rough Trade / VÖ: 29.03.2004 ]

Text: Thomas Venker, Thomas Venker

Es war im April 2000. Ich war seit einigen Stunden Wahl-Kölner. Und im Arcadia legte Strobocop auf, zusammen mit Aksel Schaufler, dem Superpitcher, den er mir an diesem Abend als seinen neuen DJ-Partner vorstellte. Es sollte nicht lange dauern, da wurde dieser von Tobias Thomas und Michael Mayer adoptiert für das ›Total Confusion‹-Dreamteam, das seit mehr als sechs Jahren im Studio 672 den Kölnern unvergessliche Nächte in Techno und House schenkt. Keine schlechte Karriere für einen, der erst kurz zuvor aus der Provinz (Ulm) in die Domstadt gekommen war, um bei Kompakt zu arbeiten. Und es sollte noch lange nicht der Endpunkt sein.

Denn so gut er als DJ ist, so sehr ist seine wirkliche Berufung doch eine andere: das Musikerdasein. Bereits nach den ersten Tracks auf Kompakt war das klar. Sein Talent manifestierte sich im Folgenden in Tracks wie ›Heroin‹ und ›Tomorrow‹ sowie Remixen für Künstler wie Barbara Morgenstern und Phantom & Ghost (zusammen mit Tobias Thomas). Und nun ›Here Comes Love‹. Sein erstes Album. Und Album meint hier wirklich Album. Man kann es ihm gar nicht hoch genug anrechnen, dass er all die tollen Smasher der EPs nicht noch mal hier drauf gepackt hat, sondern sich zum Format bekannte und extra aufeinander abgestimmte Songs schrieb. Dass das dann viel länger als erwartet gedauert hat, ist wohl der Preis, den zu zahlen wir bereit sein müssen. Und der sich gelohnt hat. Das Album beginnt so, wie man es nach den Stücken der 12-Inches erwarten konnte: Zuerst setzt der Beat ein. Gedämpft. Weich. Sanft. Betörend. Begleitet von einem Soundrauschen, das sich nach einiger Zeit verabschiedet, um später wieder den Raum zu füllen, verändert, auf eine andere Art eigensinnig. Dann beginnt er zu singen.

Vor zwei Jahren hätte man in diesem Moment noch gestutzt, denn Singen und Techno waren sich damals noch nicht so nah wie heute. Allerdings gelingt es trotz aller eingetretenen Gewohnheitseffekte nicht oft so stilsicher und stimmig, so geradlinig und sinnig wie hier. ›People‹ heißt das Stück. Und »We don’t need people to be alone, we are together on our own« die Botschaft. So kennen wir den Sweet Disconizer Superpitcher, das ist der Schmuse-Techno, der ihn gemeinsam mit Artists wie Luomo und Ada zum Vorzeigekünstler eines neuen emotionalen Techno/House-Entwurfs gemacht hat. Es ist eine deepe Soundästhetik, wie wir sie aus Chicago kennen. Echte Love-Songs eben. Modern und der eigenen Soundsozialisation entsprechend produziert. Beim Superpitcher heißt das an der Schnittstelle von House und Techno, aber eben mit diesem gewissen Etwas, das nur ein Großwerden mit 80er-Pop, ein Wissen um Musik mit Texten hervorbringen kann. Das kann nur von jemandem kommen, der vor dem Ausgehen die Pet Shop Boys auflegt und am Morgen danach Pulp. Oder so ähnlich. Dass das Album ›Here Comes Love‹ heißt, könnte man überprägnant nennen, muss man aber nicht, denn es macht mehr als Sinn, gerade in einer Chicago-Lesart, es hinauszuposaunen. Hier wird nicht mit doppeltem Boden und Coolness-Spielchen agiert, hier sagt es einer laut und klar: I’m a believer. Der Superpitcher ist ein glühender Verehrer der Sprache des Herzens. Das wird auch allen Novizen in seiner Welt bereits nach dem Opener ›People‹ klar sein. ›The Long Way‹ schließt so was von homogen daran an, vom Klang und von den Worten: »I was looking for you in every town (...) in every street (...) in bar after bar.« Verzweiflung. Vom sad boy (analog zum dritten Stück ›Sad Boys‹, mit dem das Tempo langsam herausgenommen wird, mit dem sich der gerade Beat verabschiedet, Raum für R’n’B/HipHop macht): »We ain’t going nowhere (...) we are sad boys for life.« Stimmiger kann man fast nicht in ein Album einführen. Step bei Step. Track bei Track. Alles ein einziger großer Rhythmusbogen der Gefühle. Es folgt ein weiterer Dreier-Block, diesmal allerdings Coverversionen. Der Superpitcher hat sich ›Träume‹ von Françoise Hardy (gesungen von Charlotte Roche), ›Love Me Forever‹ und ›Fever‹ vorgenommen. Songs, die inhaltlich bestens ins Konzept passen. Die Versionen eint eine ganz eigene, gewöhnungsbedürftige Atmosphäre, eine Atmosphäre, die stimmungsvoll ist, aber auch sehr viel Gebrochenes hat. Kurzum: Er hat ihnen etwas von sich gegeben. Und trotzdem wollen die drei Stücke nicht wirklich in den Flow passen. Vielleicht kann man dieser Tage nicht anders, als an, ähm, bitte nicht persönlich nehmen, Superstars und Co. zu denken ... Nein, das Format Coverversion hat es nicht leicht zur Zeit. Abseits von diesem Erklärungsansatz mag es aber auch eine persönliche Sache von mir sein: Ich mag den Superpitcher mehr, wenn er seine Gefühle schenkt und nicht die anderer interpretiert. Vor allem, da seine eigenen Stücke (sowohl fast alle vor dem Album als auch die sechs Eigenkompositionen hier) eine eigene Sprache gefunden haben. Mit ›Lover’s Rock‹ kommt dann jedenfalls der Club zurück in das Album. Pop Marke Superpitcher. Lover’s rock forever. Musik, zu der man mit Kissen nach dem Mädchen oder Jungen werfen, sich auf der Matratze wälzen und knutschen will. Es scheint vergessen die Zeit des Haderns und des Suchens, des Findens und des Verlierens des ersten Albumdrittels. Das Glück zieht (scheinbar) ein. Oder um es mit dem Titel des nächsten Stücks zu sagen: ›Happiness‹. Das leicht verstimmte Synthie-Klavier sagt zwar Moll und lässt eine solche Stimmung ahnen, doch der schneidende Rhythmus verspricht erst mal alles bejahenden Techno. Der Bass ist leicht metallisch, die Snare schön energisch, hoch und beißend, ganz so, wie sie sein muss. Und das Piano wechselt die Akkorde im Zeichen der Signifikanz, ruft Pathos ab und auf.

Die Stimme singt dazu Zeilen wie »I want happiness«. Und: »I seek happiness to cause you’re happiness«. Alles spielt mit dem Moment, in dem Stück und Glück synchron laufen, aber irgendwie laufen sie nicht ganz im gleichen Takt. Die Tragik, sie bleibt uns erhalten in der Welt des Superpitchers. Weil sie zu einem guten Romantiker eben gehört. Dramen prägen dabei Leben und Kunst. Wo echte Liebe ist, sind auch echte Schmerzen. Und deshalb ist es meistens nicht des Glückes heller Strahl, der scheint, sondern liegt – wie so oft in der Welt von uns Indie-Romantikern – über allem ein Hauch von Melancholie. Diese Melancholie endet mit ›Even Angels‹, einem bekennenden Manifest für die Fehler, die man so macht, wenn man liebt und/oder nach dem/der Liebenden sucht. ›Even Angels‹ kann man so wahrscheinlich nur schreiben, wenn man um die Schönheit einer durchgetanzten Nacht weiß, um das Glücksgefühl, wenn das Licht angemacht wird (noch schöner ist es natürlich, wenn es von draußen durch eine Lücke im Vorhang reinbricht wie ein Strahl, ein Strahl, der den Vampir verwunden kann, jenem aber in diesem Moment auch eine gewisse Endlichkeit aufzeigt und so eine Wertschätzung der eigenen Existenz schenkt) und man noch für 20 Minuten im verschwommenen Angesicht der/des anderen seinen Körper an den Beat schmiegt: »Even angels make the same mistakes (...) heaven above (...) in love.« Das Ende ist ein ewiges. Minutenlang rauscht die Harmonie um unsere Köpfe, als ob man nur noch allein mit sich auf der Tanzfläche ist, alle anderen peu à peu ausgeblendet werden. Und man wünscht sich, dass nie mehr jemand anderes deine Schulter berührt außer dieser einen Person. Und doch berührt sie jemand anderes ...

Jetzt muss er nur noch den Weg auf die Bühne suchen und das hier live präsentieren, dann sind Kompakt nur noch Millimeter von einem Superstar entfernt. Ich glaube an diesen Typen. Wie heißt es bei New Order so schön im Stück ›Cyrstal‹: »Love’s like honey, you can’t buy it for money.« Das stimmt wohl, aber mit dem Erwerb dieses Albums kommt man so nah an die Essenz von Liebe, wie man es mit irgendeinem ökonomischen Akt nur kann.



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