BEWERTEN
 

Les Robespierres & Melissa Logan

»L’Amerique – A Propaganda Operette«

[Buback / Efa / VÖ 8.3. / VÖ: 20.11.1995 ]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser
[5 Kommentare]

Es ist möglich, diese im Rahmen einer Theateraufführung entstandene und mit Zitaten von Kafka und Brecht gespickte Platte als ebenso nervig intentionsreich und didaktisch zu empfinden wie einen aus der Strickpullizeit übrig gebliebenen Deutschlehrer – es sei denn, man hat Lust, tatsächlich etwas zu lernen. Nein, Lernen, das klingt nicht nach Pop im Spätneunzigerjahre-Sinne, im Robbie-Stuckrad-Britney-Sinne, und Pop will ›L’Amerique‹ auch gar nicht sein, sondern Agitprop, eine ganz und gar dem Zuhören und Erziehen geschuldete Stufe auf dem Weg zur fast nur noch ästhetisch imaginierbaren Revolution. Die Operette über Amerika, die sich absichtlich gegen die derzeit so bequeme Anti-Amerika-Stimmung wendet, welche deutsche Linke wie Rechte wundersam eint, die aber dennoch nicht verschweigt, dass es auch in den USA Unterdrückung, Rassismus, letztlich also Nazis gibt, präsentiert ein breit gefächertes Mosaik, in dem Amerika mal als Freiheitsmythos, mal als anderes Wort für Kapitalismus gespiegelt wird.

Dass Freiheit und Kapitalismus eben nicht dasselbe sein müssen, zeigen der ›Angela Davis‹-Song und das Sample von Martin Luther Kings ›Baptist Church‹-Rede (die einen sehr revolutionären, gar nicht defensiven King in Erinnerung ruft) offenkundig. Und doch war es zugleich sehr geschickt, die Platte mit einem Sprechstück von Kafka beginnen zu lassen, zum einen, weil Kafka Amerika nicht kannte, sondern es nur imaginiert, also keine authentische Lesart anbietet, zum anderen, weil die in dem Stück ersehnte Freiheit aus nichts anderem als einem Engagement im »großen Oklahomatheater« besteht, also darin, sich in eine Traumfabrik einzureihen. Behandelt wird also nie ein reales Amerika, sondern immer nur der stets schon formatierte Blick auf Amerika, der hier auch musikalisch ohne Fixpunkt ist – zwischen Brecht-Vertonung, Folk, Funk und in Degenhardt-Manier vorgetragenem Lied-Stil gibt es höchstens eine Verbindung, nämlich die Rekonstruktion der politisch noch aufgekratzten frühen Siebzigerjahre. Ein wenig Nostalgie schwingt schon mit, wenn sich die Robespierres an jene Zeit vor Punk erinnern und damit jenen Pop-Topics namens Zynismus und Ironie eine Absage erteilen, die nicht zuletzt erst mit Punk ins Leben gerufen wurden. Weil Revolution und Nostalgie allerdings eigentlich unvereinbar sind, entsteht auf dieser Platte eine bewundernswerte innere Spannung, die Utopie ins Artefakt abdrängt, um deren Verlust nur umso schmerzlicher begreifbar zu machen.



Artikel kommentieren
aus Intro #114 (März 2004)
 
  • Mehr Infos

  •  
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 
  • User: quasi
  • quasi 18.04.2004 | 21:03:06

    yo interessiert wen. du kannst die cd bei buback via mailorder kaufen.

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 

Platten der Woche

Platten der Woche

Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick! [...mehr]

 
  • THREADS ZU DIESEM ALBUM

  •