Franz Ferdinand
»Franz Ferdinand«
[Domino / Rough Trade / VÖ: 30.09.2005 ]
Text:
Kerstin Grether,
Kerstin Grether
[5 Kommentare]
Franz Ferdinand haben sich mit dem Ziel gegründet, Mädchen zum Tanzen zu bringen. Nun, nicht nur deshalb. Aber es war eines ihrer Hauptanliegen. Natürlich geschah es auch aus allen anderen Gründen heraus, aus denen man eine dieser Bands gründet, die zum Ziel hat, very big zu werden. Zum Beispiel auch, weil sie diesen impulsiven Drahtseilakt aufführen wollen, Kunst und Pop zu verschmelzen. Natürlich aber auch, weil Franz Ferdinand reich und berühmt werden und später mal mit den Mädchen, die sie zum Tanzen gebracht haben, in die Häuser ziehen wollen, in denen sie ganz bestimmt nicht glücklicher werden, als sie sowieso schon sind.
Aua, das Wort tut weh angesichts der Anti-Rock-Attitude, mit der sie diese großartigen Post-New-Wave-Pop-Songs schreiben. Irgendwo zwischen Gang Of Four und Echo & The Bunnymen. Oder vielleicht sogar als Neuerfindung von James. Doch, doch, die Songs sind sehr gitarrenlastig, vielleicht hatten sie das gar nicht geplant. Zum Glück für uns. Denn eigentlich sind es nicht nur die Mädchen, die Franz Ferdinand zum Tanzen bringen (oder umgekehrt), sondern die Gitarren plus die Rhythmus-Sektion – das ganze Prinzip Gitarrenpopband also. Aber vermutlich werden es am Ende wieder die Jungs sein, die auf der Tanzfläche übrig bleiben, während die Mädchen Franz Ferdinand anhimmeln. Auch wenn die keine Muskeln haben, weil sie ja Instrumente spielen. Instrumente verbergen Bäuche, was Franz Ferdinand aber wiederum nicht nötig haben, weil sie so entschieden schlaksig und hey-wir-sind-’ne-Band-mäßig rüberkommen. Und das ist nicht so banal, wie ihr vielleicht denkt. Denn (Vorhang auf): Sie sind natürlich die englischen Strokes. Natürlich, das hätte man sich ja schon denken können.
Die Band, deren Name so klingt, als hätte ihn sich die ›Fast Forward‹-Redaktion für eine Themensendung über Anti-Kriegs-Songs ausgedacht, ist nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich wie die Strokes, auch wenn sie ganz anders aussehen und ganz anders klingen. Die Renaissance der Arty-young-Man-Band also. Es gibt noch mehr so Bands im Moment, aber an Franz Ferdinand werden wir hängen bleiben, weil sie Songs schreiben, die aufschreien und sich trotzdem wie vielschichtigste Pirouetten auf dem Glatteis des Alles-war-schon-da bewegen. In kleinen luftigen Variationen. Erinnern einen aber auch an die göttlichen James, falls ich es noch nicht erwähnt habe. Ein Song wie ›Matinee‹ wurde lange nicht mehr geschrieben. Diese fast architektonischen Songgebilde, die trotzdem offen und windschief bleiben, die deinen Körper berühren, weil sie dich hart und atemlos machen. ›Take Me Out!‹, ›This Fire!‹, ›Come On Home!‹. Erfolg haben Franz Ferdinand natürlich auch schon.
Noch während ihnen alle eine große Zukunft voraussagen, haben sie die Gegenwart an sich gerissen. Denn sie sind Künstler, zumindest Bob, der Bassist. (Alle Bassisten sollten Künstler sein, by the way. Es zeichnet eine innovative Szeneband geradezu aus, weil doch Bass allein nicht reicht, es sei denn, man malt noch Bilder dazu.) Und weil sie also Künstler sind, die Glasgower Jungoptimisten, laden sie alles mit Bedeutung auf. Schon allein der Bandname: viel zu riesig und Aufsehen erregend. In den 80ern hätten sich solche wie sie noch James genannt, um ihre Gewöhnlichkeit zu betonen. Weil eh klar gewesen wäre, dass sie außergewöhnlich sind. Heute muss man wieder protzen, um aufzufallen. Denn diese Songs handeln davon, aus allem Gewöhnlichen auszubrechen, aber das Gewöhnliche noch mitzunehmen, damit es sich verändern kann. Der Bandname: verrückt und fatalistisch genug, um natürlich überall einen Artikel und fünf im NME zu kriegen. So was merkt man sich einfach. Wenn sich welche nach dem österreichischen Thronfolger benennen, dessen Ermordung als Auslöser des Ersten Weltkrieges gilt.
Oder die 30er-Jahre-Ästhetik im ›Take Me Out‹-Video. Was das wiederum bedeutet? Es bedeutet: Bedeutung schaffen. Wer die englischen Strokes werden, wer die Zukunft des Rock’n’Roll in seine Hände nehmen will, der muss ein bisschen um sich schmeißen mit Geschichte und Referenzen, wo man dann nicht mehr weiß, ob es geschmackvoll oder geschmacklos ist. Aber wir wollen ja keine Hype-Verächter sein. Das überlassen wir den Skeptikern.
Trotzdem haben die Jungs vor allem musikalisch was zu sagen. Womit wir endlich mal so richtig bei der Musik, mittendrin in der Musik angelangt wären. (Denn Linus hat gesagt, für die Kritik über Franz Ferdinand gäbe es keine Zeilenbegrenzung, was ja auch schon alles sagt über die Bedeutung unserer diesmonatigen Coverband.) Also: Man hätte das alles natürlich auch kürzer sagen können: Interessante neue Band. – Und wie klingt die? – Super! – Aber das wäre nichts von Bedeutung.
Die Platte beginnt hoheitsvoll-bildungsbürgerlich mit diesem Stück, wo sich »Jacqueline« auf »Seventeen« reimt, und klingt insgesamt sehr dandyesk und nach Divine Comedy. Aber dann setzt der Bass ein, zwei Gitarren hechten los, und das Mädchen Jacqueline ist schon vergessen. Denn es geht um Wichtigeres. Um die Feststellung, dass das Leben nur im Urlaub so richtig Spaß macht. Das Lied explodiert in Richtung Dancefloor, und schon ist wieder eine gebrochene Struktur hörbar. Dann kommt ›Tell Her Tonight‹, fast ein Lieblingslied, ein Liebes-Lied auf jeden Fall – Beatles-Harmonien, fragil, man hört, wie sich Körper neu zusammensetzen, wirklich, und es geht weiter ab. Schmetternde Freude und New-Wave-Dunkelheit, pumpin’, jumpin’. Musik, zu der man springen will, gar nicht unbedingt tanzen. Vieles, vieles, vieles kann man da heraushören: das endlich mal fällige Gang-Of-Four-Revival. Das Making of a gelungene Song-Landscape. Diese Songs sind helle, blinkende Lichter, die über ihre Schatten springen.
Voll Ausbruch und Leichtigkeit geht es durch corridors and factories, jederzeit bereit, die Schule oder die Arbeit zu schwänzen, um auf der Stelle in Urlaub zu rasen. Als wollten sie alles, was ihnen bekannt vorkommt, so schnell wie möglich aus den Augen und aus dem Sinn verlieren. Himmlisch hysterischer Gesang, Refrains wie Honig, es geht immer noch hysterischer und noch himmlischer, und dann setzen die Drums abrupt ab und wieder an. Musik, die alles widerspiegelt, was in einen Abend oder einen Atemzug reingeht. 80s- und 60s-Revival zugleich. Ja, es scheint fast, als wollten Franz Ferdinand das 60er-Revival der 80er-Jahre mitrevivaln. Zu diesen Gitarrenläufen werden wir noch viele Tränen der Freude vergießen.
Denn sie sind zu gleichen Anteilen beschwert und unbeschwert. Musik, die bereits im guten hedonistischen Dauerschwebezustand angekommen ist und von dort aus die Beschwerden und Begierden des grauen Alltags reflektieren kann. »You smile, mention something that you like, oh do you have a heavy light?« Auch andeutungsreiche, gute, glitzernde Texte. Geheimnisvoll-gut, wie eben die der Strokes. Aber auch nicht richtig unantastbar. Die schlampige Poesie des männlichen Gitarren-Helden halt. »What I made is unclear now ... yes it is easy now.« Jetzt gehen mir die Worte aus. Aber ihr hört euch die Platte ja sowieso selbst an. PS: Von wegen »and girlfriends they don’t understand.« Franz Ferdinand hat für seine Liebe gekämpft.
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Kommentare
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meiklneid 05.03.2004 | 10:56:43
als ich das video sah...
..dacht ich nur..juhu....
..doch im hinterkopf klopfte
etwas an u.meinte es sei
nur sone hype-casting-band..
..doch..neinnein.........
sie sind mittlerweile mit
die spannensten musikanten
für mich................
naja blabla...........
kurzgefasst;tolle mucke
-------------------------
yougogogo 05.03.2004 | 15:29:53
war einer von denen nicht bei the yummy fur?
Reverend 05.03.2004 | 15:34:50
war immer aufrichtig
Ist dieser Thread ernstgemeint?
Oliver Zeyen 12.03.2004 | 16:07:33
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