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»Berlin Insane«

[Pale Music / VÖ: 26.01.2004 ]

Text: Jens Friebe, Jens Friebe

»›Berlin Insane‹ – a compilation of weird electronics & future rock’n’roll«! Mein Gott, Leute. Könnt ihr nicht abwarten, bis euch eine verständnislose Presse mit idiotischen Etiketten beklebt? Müsst ihr das wirklich schon selbst besorgen? Oder anders: Würdet ihr auf einer Velvet-Underground-Platte gerne so was lesen wie »disturbing music for crazy drugheads and other freaky fuckers«? Gerade, weil hier viele gute Künstler zu hören sind, bestürzt die Selbsterniedrigung einer Szene, die zulässt, dass ihr Geheimquartier sich ungefragt einer Medienöffentlichkeit mit Sätzen wie diesen verkauft: »Essen wie bei Muttern – das wünscht sich der Freizeit- oder Beruf-gestresste Großstadt-Nomade für sich und seine Wahlfamilie.

Bei White Trash Fast Food hat Mutter ein Tattoo, liebt Punkrock und Country und lässt die neugierigen Sprösslinge in die Töpfe gucken« (Selbstdarstellung aus dem daumendicken Begleitheft zu der den Sampler flankierenden Pressekonferenz im Berliner White Trash). Bestimmt hatten nicht alle vertretenen Bands Bock und Einfluss auf die aufgeblasene Anbiederung. Unbedingt glauben möchte ich das beispielsweise im Falle von Kid&Kahn und ihrer gut losgehenden Mischung aus elektronischem Schweine-Rock’n’Roll und Kinder-Rap. Auch Namosh, der mit einer packenden wie clubbigen Quasi-Coverversion von ›Teenage Kicks‹ dabei ist, und dem traurigen Songwriter Alexander Christou wünsche ich herzliches Beileid wegen des unglücklichen Rahmens und weiterhin viel Glück. Andere wie Glamor To Kill und die total verblödeten Electrocute sind keine Opfer, sondern Agenten der Peinlichkeit und somit selbst schuld. Den Arrivierten, die noch mal was aus der Mülltonne geholt haben (Stereo Total, Alexander Hacke, Angie Reed etc.), kann’s ja eh egal sein. In Sachen Selbstdarstellung dem ›Berlin Insane‹-Spektakel meilenweit voraus ist die Compilation des Clubs Bad Kleinen, Gott hab ihn selig.

Bei ›Letztversorgung‹ setzte man in erster Linie auf Mundpropaganda und ließ den Hype, wie es sich gehört, von außen kommen. Und er kam. Über die ausufernde Zusammenstellung guter, alter, ehrlicher Live-Mitschnitte wurde wirklich viel geraunt und getuschelt hier in Berlin. Besonders ein Name fiel, wo man ging und stand: Die Türen. Tatsächlich ist ihr Song ›Nicht Mit Den Türen Knallen‹ mit seiner schwer zu beschreibenden Mischung aus, sagen wir mal, altem No Wave und modernem Big Beat wohl der aufregendste auf der Platte. Er fügt sich mit Anklängen an Devo und ganz frühe XTC auch schlüssig ins Gesamtkonzept, denn der Sampler belebt so ziemlich alles aus den Achtzigern wieder, was nichts mit Oktavbass und Synthie-Pop zu tun hat. Er ist praktisch ein Negativabdruck von Elektroclash. Wo man über die Vorbilder und Mischungsverhältnisse noch rätseln kann, wie bei den charmanten Songs von Mondo Fumatore oder den Peaks, ist das durchaus angenehm. Wenn man die Originale aber so eindeutig zuordnen kann wie bei Husky Stash (Sonic Youth) oder Novotny TV (Ärzte), wird es schon etwas langweilig. Ach so, sehr niedlich finde ich übrigens den ›It’s Not Unusual‹-Remix von Kongorosi.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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