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»Politics«
[Source / Labels / Emi / VÖ: 04.11.2005 ]
Text:
Markus Von Schwerin,
Markus Von Schwerin
Auf dem Cover seines zweiten Albums präsentiert sich Sébastien Tellier mit Kriegsbemalung auf den Wangen und ›Politics‹ auf die Stirn graviert. Dass der bärtige Air-Freund den Schalk im Nacken hat, zeigte schon das Artwork zum Debüt ›L’Incroyable Verité‹, für das er sich mit einem Gummi-Schwertwal ringend ablichten ließ. Viel ernster wirkten da die überwiegend instrumentalen Stimmungsbilder in moll, die den Robert-Wyatt-Bewunderer zum Vorschein brachten, aber auch das zornige Temperament eines John Cale. Die Tiefe, die dem Berliner Spaßvogel Chilly Gonzales immer wieder als Live-Performer nachgesagt wird, vermag Tellier jedoch ohne Abstriche auf Tonträger zu bannen.
Zwar bekommt der thematische Rundumschlag auf ›Politics‹ spätestens im Stück ›Mauer‹, wo eine klagende Frauenstimme in kaum auszumachendem Deutsch das Verschwinden des Schutzwalls bedauert, weil nun für alle Ostberliner das Squash-Spielen unter freiem Himmel nicht mehr möglich sei, den koketten Beigeschmack von Gonzales’ ›Presidential Suite‹. Doch anhand der kontinuierlichen musikalischen Brillanz, die einen in den ersten dreißig Minuten gefangen nimmt, ist man mehr als geneigt, ähnlich mildernde Umstände geltend zu machen wie einst bei Platten von Frank Zappa (dessen Texte ja in den seltensten Fällen an seine Kompositionen heranreichten) oder einigen romantischen Ausläufern der Canterbury-Szene, die sich vor dreißig Jahren in ein ›Land Of Grey And Pink‹ hineinträumten. Sébastien Telliers natürliche Falsettstimme, die auf ›Politics‹ ihr erstes Showcase bekommt, klingt in der Tat so schön wie die des Caravan-Sängers und erhält mit ausladenden Streicherarrangements und Chören, free-jazzigen Bläsern und dem fantasievollen, dabei immer federnd leichten Schlagzeugspiel von Tony Allen das angemessene Klanggewand. Seine zu moduliertem Bass und Minimal-Bossa-Beat geschmachtete Hommage an das ›Wonderafrica‹ hätte auch auf dem Godley&Creme-Meisterwerk ›Freeze Frame‹ einen guten Platz gehabt. Und mit seinem dramaturgischen Gespür für Steigerungen innerhalb eines Stücks, wie etwa in ›Broadway‹ und ›La Retournelle‹, schlägt er die Gainsbourg-Plagiatoren jüngster Zeit (sowohl Beck als auch Bobby Conn bedienten sich ziemlich unverfroren bei ›Melody Nelson‹) um Längen.
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