BEWERTEN
 

Talking Heads

»Once In A Lifetime«

[Emi / VÖ: 12.10.1992 ]

Text: Ulrich Kriest, Ulrich Kriest

Uff! Drei CDs und eine DVD, 55 Songs und 13 zum Teil heute noch famose Videoclips, versammelt in einer prachtvollen, materialreich-informativen und offensiv originell gestalteten (Querformat!) Box. Nein, die Geschichte muss nicht umgeschrieben werden, wenn man sich nach all den Jahren mal wieder konzentriert auf das Werk dieser Band eingelassen hat, deren Songs und Haltungen zwischen 1977 und 1980 die entscheidenden ästhetischen und intellektuellen Maßstäbe setzten. Maßstäbe, die als genuin postmodern rezipiert wurden und sehr früh die politische Strategie der Subversion durch Affirmation zu profilieren halfen. Wenn es um die Idee des uneigentlichen Sprechens in der Popmusik ging, die dem Authentizitätsterrorismus der Rockmusik den Garaus machte, existierte zu dieser Zeit – vielleicht einmal abgesehen von John Cale, Lou Reed und der Gang Of Four – vom intellektuellen Niveau her keine ernsthafte Konkurrenz für die Talking Heads.

Man höre Songs wie ›Don’t Worry About The Government‹ oder die famose Anti-Hymne ›The Big Country‹ – eine plastische, positive Beschreibung des funktionierenden US-Alltags aus der Himmelsperspektive mit Country-Slide-Guitar und dem überraschenden Refrain »I wouldn’t live there if you paid me to« – und vergleiche sie mit den ungelenken, denkfaulen oldschool politics der Clash: ›Sandinista‹ my arse, motherfucker! Andererseits: Der urbane Folk vom Debütalbum ›77‹ ist schlimm gealtert, und ›Psycho Killer‹ war damals bereits und ist noch immer ein völlig überschätzter Song. Die drei folgenden Alben ›More Songs About Buildings And Food‹, ›Fear Of Music‹ und ›Remain In Light‹ jedoch wieder zu hören ist ein Hochgenuss. Die Lücken, die die aktuelle Zusammenstellung notwendig lassen musste, stören dabei nicht, zumal man weiß, dass auch die Auslassungen das Niveau nicht beschädigt hätten.

Die Wiederbegegnung mit Songs, einzelnen Textzeilen mitunter – etwa: dem inneren Monolog des Terroristen in ›Life During Wartime‹ –, offenbart erst, wie intensiv man diese Alben einmal gehört hat. Doch auch das Schisma, das atemberaubend rasant nachlassende Interesse an der Band, das mit der Tour zum Live-Doppelalbum ›The Name Of The Band Is‹ einsetzte, muss nicht revidiert werden. Jetzt wurden die Talking Heads eine Mainstream-Funk-Combo mit omnipräsenten Hits wie ›The Road To Nowhere‹ oder ›Wild Wild Life‹ (im Video mit dem jungen John Goodman!). Es spricht für diese Zusammenstellung, dass sie dem Frühwerk (und den Video-Clips, die übrigens zumeist zeigen, wie es aussieht, wenn der Groove auf einen intelligenten Körper trifft) gegenüber dem Spätwerk deutlich den Vorzug gibt. Allerdings begründete sich unsere Abkehr von den Talking Heads, die übrigens derart rigoros ausfiel, dass man (fast) auch noch ›Naked‹ und Byrnes Luaka-Bop-Label ignoriert hätte, weniger als Geschmacksurteil, sondern vielmehr als schmerzliche Einsicht in die Dialektik der ästhetischen Durcharbeitung der Verhältnisse. Letztlich war es kein Zufall, sondern Bestätigung der Größe der Talking Heads, dass Diedrich Diederichsen Abschied von der Leitideologie des hintersinnig-hypertrophen Ja-Sagertums, immerhin die zentrale These von ›Sex Beat‹, im journalistischen Tagesgeschäft als hochdifferenzierte Kritik von ›Little Creatures‹ 1985 in der Spex erschien. Die Talking Heads hatten ihre Methode einer nicht-ideologischen »dichten Beschreibung« der Welt nicht verändert, rannten damit aber einem Yuppie-Publikum, das diese Beschreibung als »natürlich« und nicht als Resultat eines dialektischen Prozesses wahrnahm, offene Türen ein. Da musste es zwangsläufig heißen: »This is not my beautiful house, this is not my beautiful wife.« Same as it ever was.



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