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Knarf Rellöm With The ShiShaShellöm

»Einbildung Ist Auch Ne Bildung«

[Zick Zack / Indigo / Vinyl über Flight 13]

Text: Christian Steinbrink/Carsten Bitzhenner, Christian Steinbrink/Carsten Bitzhenner
[14 Kommentare]

Ein ernstes Problem: Wie kann man diese hektische Musik und ihre brennende Relevanz am besten verbal wiedergeben? Vielleicht durch diese kleine einleitende Anekdote: Nachdem Knarf Rellöm mit seiner Band ISM in der Stadt, in der ich vormals lebte, ein Konzert gegeben hatte, prangten ein paar Tage später an einigen Stellen im Hauptgebäude der örtlichen Uni die griffigsten Slogans des Albums, ›Fehler Is King‹ und ›Das War Kein Sozialismus, Das War Spießerkram‹. Hektisch aufgesprüht. Knarf Rellöm, Viktor Marek und Heinrich Köbberling hatten es geschafft, die Stammkundschaft des örtlichen soziokulturellen Zentrums, der sonst eine ausschließliche Affinität zu Punkrock, Ska und Weltmusik-Themen nachgesagt wurde, zu begeistern.

Trotz einer Musik, die sich vornehmlich bei Elektro, Jazz und Noise bediente. Der Grund dafür, und das zeichnet auch die neue Platte von Rellöm und Band aus, ist ganz einfach: Es gibt keine Musik mit einem solch subversiven Potenzial wie diese. Rellöm war zwar nicht der Erste, der diese immer noch mehrheitlich mit rein emotionalen und hedonistischen Motiven besetzte Stilart Dancefloor mit politischen Statements ausfüllte, aber es gibt niemanden, der dabei expliziter vorging. Eine Menge Songs auf ›Einbildung ...‹ greifen so direkt an, dass sich niemand reinen Gewissens aus der Masse der Angesprochenen herauswinden kann. Auch ich nicht, und auch nicht meine Kollegen. Niemand, der durch Kompromisse und unterschwellig hofierende Aussagen gegenüber der Industrie wahrhaftig neue und aufwühlende Aspekte von Kultur gerne mal vernachlässigt und ihnen nicht den gebührenden Raum gibt. Rellöm und ShiShaShellöm deuten populäre Formen von Kultur um, versehen sie mit einer ganz neuen, zentnerschweren Bedeutung, die Popkultur in ihren Grundfesten verunsichert. Was sie auf ›Einbildung ...‹ wieder veranstalten, ist ein Patchwork aus Statements, Zitaten und Klangelementen, die den Stoff bieten, um alles, was uns an Kulturprodukten sonst noch so vorgesetzt wird, in einem ganz anderen Licht wahrzunehmen. Trotzdem erfüllt sich in keiner Sekunde der Tatbestand plumper Punkrock-Parolen. Stattdessen covern sie Noise Addicts Huldigung an Evan Dando: ›I Wish, I Was Him‹.

ShiShaShellöm sind Viktor Marek und DJ Pattex. ›Einbildung Ist Auch Ne Bildung‹ ist ein Manifest.



Eine Scheibe Trashdisko, roh wie Hack und von der Sperrigkeit einer Schrankwand, haben Saalschutz mit ›Das Ist Nicht Mein Problem‹ abgeliefert. Was den geneigten Hörer erwartet, wird gleich im programmatischen Intro abgesteckt: »Partypeople präsentiert die Synthesizer, defending disco dancing, never surrender. No fake, no gadgets, no gimmicks, no tricks«, das Ganze über dem Marschgetrommel einer Drumbox aus dem Kaugummiautomaten um die Ecke. Aber hat man den Titel ›Saalschutz: Technopunk Das Sind Wir‹ vom Nulleinser-Debüt im Hinterkopf, erscheint die auch knapp drei Jahre später spürbare Beschränkung der Mittel konsequent. Punk ist hier der Verzicht auf Sternenstaub und Fatness, der hingeschluderte Gesang, sind insbesondere die allgegenwärtigen sägenden Lead-Synthies mit der Lizenz zum Hirngrillen. Die können auf Dauer nerven, aber das sollen sie offensichtlich auch. Das gesamte Instrumentarium des Züricher Duos klingt ordentlich retro nach Moog, Bassstation, Casio, alten Rolands und C64-Soundchip, geknechtet von einem Sequencer, dem selten Purzelbäume abverlangt werden, eben no gimmicks, no tricks. Und neben dem Fuhrpark aus den 70s und 80s deutet auch die grob gehauene Lyrik darauf hin, dass DJ Flumroc und DJ M T Dancefloor eher ein Unverhältnis zu Bewegung haben, die außerhalb von Clubs stattfindet. Das schwingt mit in der Sehnsucht nach Partys wie um ›19, 9 & 90‹ oder in ›Mein Pop Dein Pop‹, aufgegriffen im Titel der Platte: »Irgendwer hat irgendwann irgendwo bestimmt irgendwas getan, damit irgendwie alles anders wird. Tja, die Welt dreht sich nicht von allein, da müssen schon irgendwelche Popsongs sein. Das ist nicht mein Problem.«

Überhaupt hat das Gespann thematisch mit nicht viel außer Disko, breaking, shaking, moving und der eigenen Geilheit was am Hut, einzige Ausreißer das beinahe glatt eingehende ›SMS D’Amour‹ mit dem Erzthema populären Musikschaffens, das Intellektuellen-Bashing in ›Diedrich Diederichsen‹ und ein Track in zwei Versionen über Kunstraub oder die Befreiung von Sinn: »Leerer, inhaltsloser Ausdruck, das ist das, was ihr hier hört, leerer inhaltsloser Ausdruck, ist uns egal, ob euch das stört, weil dieser Song hier uns gehört.« Bei ähnlicher Neigung zu NDW-Textökonomie, schmerzfreien Reimen (»Weil die Pophits rasch ins Ohr gehen, vergisst du ganz schnell alle Sorgen«) und Tanzboden-Affinität erscheinen die letzten Alben von Andreas Dorau vergleichsweise gefallsüchtig. Cool an ›Das Ist Nicht Mein Problem‹ ist gerade, dass man den erigierten Mittelfinger auch permanent in der Musik hört. Wenn jetzt noch der Bandname nicht so doof absichtsvoll auf Nazi-Oi machen würde, wär alles noch schöner, aber Schweizer sehen das vielleicht anders. Das von Saalschutz herbeigezauberte, älteren Semestern wohl bekannte ›Zaxxon‹-, ›Moon Buggy‹- und ›Frogger‹-Gefühl ist jedenfalls unbezahlbar.



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aus Intro #113 (Februar 2004)
 
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  • schunkel 14.02.2004 | 20:34:10

    Mist, hab sie immernoch nich.

  • schunkel 14.02.2004 | 20:38:37

    Ach, nach "Fehler is King" und diversen Konzerten ohne Liedermacherei sondern nur mit Beatspässen, bin ich nicht sonderlich feucht vor aufregung.

  • schunkel 16.02.2004 | 09:19:23

    So sympathisch mir die Lieder auf "Bis auf weiteres eine Demonstration" und der letzten SPEX-CD waren, oft gehört habe ich sie nie.
    Da interessieren mich die für dieses Jahr angekündigten Rereleases der beiden Huah!-Alben mit Raritäten und Unveröffentlichtem irgendwie mehr. Grossartiger Texter, der Rellöm.

  • User: Reverend
  • Reverend 16.02.2004 | 09:53:49
    war immer aufrichtig
    Ja, aber diese großartigen Texte plus gute Beats - das ist doch eine sehr schöne Mischung.

  • schunkel 16.02.2004 | 10:21:27

    Ich habe mir bisher nur mal die Ausschnitte auf indigo.de angehört (überhaupt ne schöne anhör-seite), und das klang eher nicht nach dem Textniveau, das ich an "Scheiss Kapitalismus", "Was machen Huah jetzt?" und "Bitte vor REM einordnen" so schätzte.

  • User: s_he
  • s_he 16.05.2004 | 20:07:10

    erst dachte ich, wasn doofer ausgelutschter
    spruch, "einbildung ist auch ne bildung" für
    eine platte als titel. oder der spruch "ich
    wusste gar nicht das man scheisse so hoch
    stapeln kann" noch sone 80er anmache. ..
    und noch mal little big city, aber dann: super
    tanzbar die platte! mit der wunderbaren
    stimme und dem passiven enthusiasmus
    von pattex mit knarfs texten "bring the beat
    back victor marek. bring the beat back." die
    combination der drein macht richtig laune
    besonders live, unbedingt hingehen
    anhören und mitsingen: "i wish i was him."

  • User: grrr
  • grrr 17.05.2004 | 10:09:04
    Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
    hab ja genug in den anderen
    threads dazu abgelassen, aber
    mit den sprüchen gebe ich dir
    recht. besonders, wenn man sie
    damit sehr oft live sieht.
    nch dem spätestens zehnten
    konzert rattere ich sie nur
    noch gebetsmühlenartig mit...

    "ihr wollt kuschelsex?" -
    "fickt euch!"

    "wer hat uns verraten?
    sozialdemokraten! -
    wer verrät uns nie?
    sexualdemokratie!"

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