BEWERTEN
 

Die Moulinettes

»Serendipity Park«

[Paul! / Zomba / VÖ: 23.02.2004 ]

Text: Markus Von Schwerin, Markus Von Schwerin
[18 Kommentare]

Das Wörtchen »serendipity« bezeichnet eine (zumeist erfreuliche) Entdeckung, die man unverhofft macht – sofern man sich die Sinne dafür offen hält. Es gibt den Park, der dem dritten Moulinettes-Album den Titel verleiht, wirklich. Nur sind die optischen Eindrücke, die man in einem Südstaaten-Nudisten-Club gewinnen kann, relativ vorhersehbar, wohingegen der neue Songreigen, mit dem das Münchner Quartett seine dreijährige (Baby-) Pause beendet, wirklich verblüfft, denn einen derart rockigen E-Gitarren-Sound hätte man nach dem sanften Morricone-Pop vom Vorgänger ›Alfa Bravo Charlie‹ kaum erwartet. Nicht dass nun auf die charakteristischen Chöre, die beliebten Metaphern aus dem Hausfrauenvokabular (»Die Gedankenwelt, in der du lebst, gehört mal dringend nass ausgewischt«) oder Vorzeige-Arrangements mit Banjo, Barpiano und Mundharmonika-Solos verzichtet werden müsste.

Nur heult jetzt nach der Beschreibung eines missglückten Freundestreffens auch mal eine Schweinerock-Gitarre auf (›BBQ‹), erinnert Martin Lickleders Violinenspiel plötzlich an frühe Roxy Music (zu hören in der genialen Verwahrlosungshymne ›Dreckiger Als Auf Dem Mond‹), und von den Crash-Becken wird ungewohnt heftig Gebrauch gemacht. Auch bei dieser härteren Gangart (die Superpunk-Fans gut gefallen müsste) ist den Moulinette’schen Sittenstudien nicht der Humor abhanden gekommen, wenngleich es nach den Liebhaber-Themen der Vergangenheit (B-Movies mit Brooke Shields, France-Gall-Coversionen etc.) überrascht, wie dezidiert nun der Blick auf aktuelle gesellschaftliche Phänomene gerichtet wird. Beispielsweise die Beobachtung, dass Wirtschaftsmaximen und Existenzgründungsmodelle immer mehr auch im Liebesleben Anwendung finden (›Unsere Anwälte‹) und vielen Mitmenschen jegliches Gespür für das gesund Alberne verloren gegangen ist.

Für Letzteres steht der Song ›Cary Grant‹, in dem eine cineastische Vorliebe zugleich Ausdruck der Selbsterkenntnis ist, auf »Eroberung und Ehrgeiz und Erfolg und all den anderen Rs in BRD« verzichten zu können – zugunsten eines Wohlbefindens, wie es etwa das nachmittägliche Anschauen eines Films mit Cary Grant auszulösen vermag. »Der Mensch ist das Mittelmaß aller Dinge«, heißt es da, und dies klingt in Claudia Kaisers würdevoller Art, die Worte zu formen, weder ironisch noch abgeklärt, sondern auf eine heitere Art zuversichtlich. Diese Hommage ist – stellvertretend für das gesamte Album – ein erfrischend undidaktisches Plädoyer dafür, den täglichen Widrigkeiten mit Witz zu begegnen, denn wollte man sich ihnen durch Weltflucht entziehen, würde man auch nur, wie es im gleichnamigen Soul-Stampfer mit Slideguitar-Finale so schön heißt: ›Am Abgrund Schlange Stehen‹.

Drei Fragen an Sängerin Claudia Kaiser:

Frage: Sowohl musikalisch als auch in den Texten ist bei den Moulinettes plötzlich auch Wut herauszuhören. Wie kam es dazu?
Antwort: Gesellschaftlich haben sich im Lauf der Jahre ein paar Dinge zugespitzt, die uns wohl latent schon lange auf die Nerven gehen, wie beispielsweise diese Versportlichung in vielen Lebensbereichen. Diese ständig geforderte Messbarkeit von Leistung führt zu einer Unentspanntheit, die ich schlicht unerträglich finde.

Frage: Was haltet ihr dagegen?
Antwort: Die Meisterschaft in der hohen Kunst der Albernheit zu finden, aber das scheint hier – gerade auch in der Popmusik – ziemlich verpönt zu sein. Da wird man nur beachtet, wenn man schwere Themen bearbeitet und hochgestochenes Zeug abliefert. Uns liegt das Kryptische aber nicht so, wir mögen es lieber konkret, was einem offenbar schnell den Ruf der Unbedarftheit einbringt.

Frage: Wie verhält es sich mit dem ungewohnten Rockeinschlag auf ›Serendipity Park‹? Habt ihr in den drei Jahren neue Vorlieben entdeckt?
Antwort: Es war einfach mal eine Herausforderung, auch Songs ohne Major-7-Akkorde zu komponieren. Trotzdem habe ich vor fünfzehn Jahren mehr Rockmusik gehört als heute: Dinosaur Jr., Sylvia Juncosa usw., das war alles schon da. Also keine neuen Vorbilder, sondern eher eine Rückbesinnung auf noch ältere Quellen wie beispielsweise NRBQ-Platten. Die haben ohne große Effekte einen einfachen und doch immer gut klingenden Sound geschaffen, der mir und unserem Produzenten Michael Thalheimer auch für das neue Album vorschwebte. [Für mich sind ja NRBQ, auch was den Humor und die Leichtigkeit betrifft, so etwas wie die amerikanischen Beatles.]



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  • schunkel 16.02.2004 | 14:15:38

    Hat´s schon jemand gehört? Die Rezension hört sich irre vielversprechend an.

  • User: better thing
  • better thing 16.02.2004 | 14:51:53

    »Die Gedankenwelt, in der du lebst, gehört mal dringend nass ausgewischt«

    bezaubernd häusliche lyrik!

  • User: unrayodesol
  • unrayodesol 16.02.2004 | 18:49:30
    Too old to die young
    Ich kenn nur einen Song, "rocking after mitleid", der hört sich alldings so vielversprechend an (geht in die Stereolab-Richtung), dass ich mir das Album sicher bei der nächsten Gelegenheit kaufen werde.

    Die erste LP fand ich ja ein wenig schlampig produziert, die zweite war so pausenfüllermäßig, das könnte jetzt die Super-LP sein, auf die ich von dieser Band schon lang gewartet hab.

  • schunkel 17.02.2004 | 12:08:52

    @unrayodesol
    Sehe ich ganz ähnlich. Das erste Album steckt zwar voller unglaublich toller Lieder (Meine Liebe ist wie ein Asylantrag, die moderne welt der mode, meine hormone und ich, Reini Furrer), ist aber nich so produziert, dass ich es so oft höre. Es fehlt ein wenig an Wärme und Glanz.

    Die zweite Platte ist klasse und vielschichtig, funktioniert aber wegen der vielen remixe und Sprachen nicht als Album. Der Superhit ist "Immer nie am Meer".

    Die B-Seiten und Kompilationbeiträge (Volkssternwarte, Mit den Händen eines Toten, Deinen Namen merk ich mir, Liebe auf dem Land) der Moulinettes gefallen mir durchweg besser als vieles auf ihren Alben.

    Kennt jemand Martin Lickleders alte Band Jeep Beat Orchestra? Sehr seltsames Zeug.

  • schunkel 18.02.2004 | 15:28:55

    So, habe mir die Jeep Beat Orchestra mal wieder angehört, wirklich ein schräges und sehr bayerisches Dialekt-Ding, aber mit einigen Hits. "Ich bin 10 und will Respekt", "Ich hab Angst um mein Sperma" oder "Wenn der Ausgleich fällt" sind sehr toll, ultra-lo-fi und weit, weit draussen.

    Martin Licklder spielt auch bei einer Münchener Band namens Suzie Trio, die schonmal bei den Moulis Vorgruppe war. Demnächst erscheint bei Echokammer ein zweites Album. Weiss jemand wie die klingen?

  • schunkel 24.03.2004 | 12:26:59

    Ein grossartiges Album! Ich summe den ganzen Tag "Unsere Anwälte" und "BBQ". Die Moulinettes klingen weniger nach Easy-Bossa-Lala, sondern immermehr wie Britta, und sind viel schlauer geworden. Ganz grosse texte. Super!

  • User: fletch242
  • fletch242 24.03.2004 | 12:41:54
    Übersturmbannföhrer
    Nichts gegen Easy Bossa Lala! Das ist zurzeit meine bevorzugte Musikrichtung!

    entgegen anfänglicher bedenken aufgrund von rezensionen in denen sie als mir evtl. zu hart beschrieben wurden, gefällt mir die cd aber auch sehr gut!es fehlen für mich natürlich die bossa nova stücke, jedoch gibt es da ja auch andere frauen(bands), die es besser beherrschen..
    am besten gefallen mir rockin after mitleid, unterwegs mit dem duke und ganz besonders cary grant! *jeder mensch möchte cary grant sein, selbst cary grant wär gern cary grant* ist meine lieblingszeile!

  • schunkel 24.03.2004 | 13:28:29

    @fletch
    Das sollte auch kein Diss in Richtung tollem EasyBossaLala sein.

    Die Moulinettes haben aber seit sie sich vom Easy-Sound entfernen gewaltig an Schärfe, Inhalt und Deepness gewonnen.

  • User: janchen_kook
  • janchen_kook 24.03.2004 | 13:55:42

    >immer nie am meer<
    mag ich von der 2.ten platte auch am liebsten. das ist groß!
    die neue werde ich mir bei gelegenheit zulegen, nach den positiven stimmen und meiner eh schon positiven neigung zu dieser band :)

  • User: unrayodesol
  • unrayodesol 24.03.2004 | 19:45:46
    Too old to die young
    Inzwischen hab ich mir die neue Platte zugelegt und sie hat meine ohnehin hohen Erwartungen noch übertroffen. Meine Favoriten sind komischerweise die, die am wenigsten nach Moulinettes kligen:
    "BBQ": So könnten die Monostars mit gutem Gesang klinegn (ja, Norbert Gräser von den Monostars ist als Gastmusiker dabei, aber eben als Gitarrist und nicht als Sänger).
    "Dreckiger als auf dem Mond", daran dachte schunkel wahrscheinlich bei seinem Britta-Vergleich, Lassie Singer wäre vielleicht noch passender.
    Aber auch sonst nur Hits, keine Füller (außer "Schlaflied" vielleicht, aber da deutet ja der Titel schon an, in welche Richtung es geht. Sollte ein Schlaflied eigentlcih nicht am Schluss kommen statt miiten auf der ersten Seite?). Textlich die nötige Portion Hass und Melancholie.

  • User: grrr
  • grrr 24.03.2004 | 21:37:05
    Les Ÿper Sound / Fanklub / Sil
    ja, ganz groß! bin immer noch
    ein bisschen traurig, dass
    claudia krank war und sie
    mir an meinem geburtstag kein
    ständchen bringen konnten
    bei ihrem geplanten auftritt
    in frankfurt...

  • schunkel 24.03.2004 | 23:44:14

    Nee, bei dem Britta-Vergleich dachte ich gar nicht so an den Sound, sondern an die melancholischlauen Texte über Beziehungen und das "Leben in der (Unheil-)Bar". Sind doch die Britta-Issues.

  • schunkel 17.05.2004 | 22:34:13

    Ja, sehr klasse und reif.

  • schunkel 29.05.2004 | 08:37:36

    und das Konzert war auch toll. sie haben sogar den deutschen Soulknaller "Wie a Glockn" gecovert.

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