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Ani DiFranco

»Educated Guess«

[Righteous Babe/Indigo / VÖ: 19.01.2004 ]

Text: Vanessa Romotzky, Vanessa Romotzky
[6 Kommentare]

Album ›Educated Guess‹ bringt Ani DiFranco ihre (musikalische) Unabhängigkeit zurück auf den komprimiertesten Nenner: sich selbst. Sie spielt alle Instrumente, singt die lead- und backing-vocals und übernimmt zum ersten Mal auch das Recording und Mixen. Für den »long walk back to myself«, wie es zu Anfang der Platte heißt, trennte sie sich von ihrer langjährigen Band. Trotz dieses Alleingangs nach Hause klingt die Platte nicht etwa wie ihre ersten beiden Alben (die sie ebenfalls alleine bestritt) wieder nach klassischerem Singer/Songwriting, sondern bedient sich der eigenen musikalischen Sprache, wie sie im Zusammenspiel mit ihrer Band über die letzten Alben entstand.

Leichtfüßig-offene und vertracktere Jazzelemente, ein wenig E-Piano, treibende, funkig-harte Hooks, peitschende oder tief getunte Gitarren. Spröde Sounds und schräge Pickings sowie sanfte und schwelgende Melodien. Ani DiFranco lotet aus, was man mit Stimme und Gitarre machen kann; abseits von Soli-Highlights oder Mitsing-Schemata.

Ganz besonders fällt die Mehrdimensionalität auf, die den Songs durch den aufwändigen Background-Gesang zukommt, der mehrere Lagen von Melodien und Klängen mit ihrem Leadgesang verflechtet. Anis Stimme zirpt und bezirzt, jault, akzentuiert, verzerrt und singt die warmen, rauchig-sanften Melodiesequenzen, die sonst die Bläsersection ihrer Band gespielt hätte. Ganz besonders schön und schwelgerisch anzuhören ist dies im Titelstück sowie in den Songs ›You Each Time‹ und ›Raincheck‹. Textlich widmet sich die Platte in 14 Songs (darunter vier Spoken-Word-Stücke) Erkenntnissen aus vergangenen Lieben, dem Eingestehen nicht haltbarer oder gescheiterter Beziehungs- und Persönlichkeitsentwürfe, mal selbstbewusst und herausfordernd (›Swim‹, ›Origami‹), mal bis ins Mark betrübt (›Bodily‹), erzählt von kleinen Zwischenmenschlichkeiten (›Bliss Like This‹, ›Raincheck‹), reflektiert die Beziehung zwischen Realität und deren Rezeption mittels Worten (›The True Story Of What Was‹), spricht von den USA in gewohnter Manier einer scharfen Kritikerin als »brutal imperial power«, blickt darauf, wie (Konsum-) Gesellschaft funktioniert, und thematisiert (wie bereits auf ›Evolve‹) im Gegenzug dazu nature’s laws. Stets geschehen diese Auseinandersetzungen in einer Sprache, die außergewöhnlich ist in ihrer Schönheit, Intelligenz, Intensität, Pointiertheit und Tiefenschärfe. Sie bedient sich Ausdrücken und Metaphern, die man sonst kaum findet in der meist kleineren Welt der RockPop-Poesie. In dem mit Gitarrentönen (mal als Tusch, mal als Rettungswagen) untermalten Spoken-Word-Stück ›Grand Canyon‹ erklärt sie ihr Verständnis von Patriotismus und spricht einen Toast aus auf das F-Wort, welches zu Unrecht im Schatten steht: »Coolest f-word ever deserves a fucking shout! / Why can’t all decent men and women / Call themselves feminists? / Out of respect / For those who fought for this.«

Aufgenommen hat Ani DiFranco ihr Album mit rein anlogem Equipment in New Orleans und zu Hause in Buffalo. Damit entstand ein naher, schroffer Sound, so persönlich wie das Blättern der Seiten in einem Tagebuch. Brave music deserves a fucking shout.



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  • User: Crystal_Vault
  • Crystal_Vault 02.02.2004 | 10:35:36

    Geile Review :) Macht große Lust auf die Platte.

  • User: fluffgirl
  • fluffgirl 02.02.2004 | 16:00:17

    schade, schade, das hier sagen zu müssen. Die von mir sehr geschätzte Ani war früher wesentlich spannender und zwingender auf ihren Alben. Seit etwa 2 Jahren herrscht da nur noch gepflegt Langeweile. Kein Vergleich zu dem fantastischen 95er Meisterwerk "Not a pretty girl". Allerdings ist so ein Verschleiss nach über nem Dutzend Alben in 14 Jahren normal.

  • User: Der Fette Russe
  • Der Fette Russe 03.02.2004 | 10:58:40

    hast du die platte gehört? ich fand ja die letzte nicht so toll, aber das doppelalbum vorher...exzellent.

    wie ist die neue?

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