BEWERTEN
Du hast bereits abgestimmt!
 
»Skull Ring«
[Virgin / Emi / VÖ: 30.05.2007 ]
Text:
Kerstin Grether,
Kerstin Grether
Es ist schon wieder fünf Uhr morgens, draußen zum Glück noch Nacht – den Sommer hätten wir also geschafft, uff –, und Iggy Pop läuft durch mein Zimmer. Ja, er läuft wirklich durchs Zimmer, kommt nie zur Ruhe, packt mich mit seiner Durchhalte-Kraft, kommt immer von einer anderen Seite. Er freut sich bestimmt mit mir, dass der Sommer so endgültig vorbei ist, denn das schwerste, theatralischste Stück auf dieser tiefen und dennoch leichtfüßigen neuen Iggy-CD heißt ›Here Comes The Summer‹ (nein, kein Undertones-Cover) und ist so vetrackt, vielteilig, gebrochen und dramatisch, dass es sich anfühlt, als würde der gute alte Iggy frösteln, inmitten der ganzen heraufbeschworenen Hitze.
›Here Comes The Summer‹ verfügt, wie das nicht minder glamouröse ›Dead Rock Star‹, über einen seltsam melodramatischen David-Bowie-Einschlag, der die ganze Rock’n’Roll-Schiene aufs Chamäleonhafteste kontrastiert. Womit wir auch schon bei den Iggy-untypischen Songs wären. Es gibt hier einige davon, zum Beispiel eben diese Ausflüge aufs Sonnendeck des Lebens. Gepaart mit zweierlei Schikanen: 1.) Iggy macht keinen Hehl daraus, dass er ein alter, gebrochener Kerl ist, ein toter Rockstar, gar der ›Dead Rock Star‹, den er hier mit allerlei Schlagzeugwirbel und Gitarren-Smashern begräbt. 2.) Er will’s uns aber auch echt noch mal zeigen: Denn Iggy kann es noch immer mit den jungen, frisch gefärbten Punks von nebenan aufnehmen – zwei der schönsten, poppigsten Songs auf dem Album hat er tatsächlich mit Green-Day-Musikern eingespielt. Und mit den Ladys ist Iggy sowieso unten. Denn auch die knallige Super-Rock-Göttin Peaches hat hier ihren Auftritt. Oder ist es umgekehrt? Auf ›Rock Show‹ singt
Iggy Pop über die Original-Tonspur ihres ersten Albums ›The Teaches Of Peaches‹ – und dann gibt’s die beiden auch noch mal im Duett. Da singen sie natürlich über Sex. Und es hat etwas von einer augenzwinkernden Auferstehung, wenn der Mann, der schon in den 60ern mit den Stooges gute, geile Rock’n’Roll-Songs gebraten hat wie andere Leute Spiegeleier, wenn dieser sehnige, knochige, altersstarke Ewigkeitsrocker dann plötzlich in Peaches-Rock-Show auf Elektronik macht. Als habe er in ›Dead Rock Star‹, dem Song davor, alles Alte zu Ende zitiert und von sich geworfen. Und weil das alles so schön ist, freut man sich bald an jedem Song auf dem Album – wie viele verschiedene Möglichkeiten es doch gibt, Rock und Rock’n’Roll zu zelebrieren. Womit wir auch schon bei der größten Stärke des Albums wären: Es hat die gebrochene, tastende, erledigte Sehnsucht und Sensibilität des Rock und die unersättliche Kraft des Rock’n’Roll. Addiert, ergibt das Kraft mal Tod gleich Leben. Eine knochige Hand auf dem Cover, mit einem Totenschädelring. Und gleich der erste Song (übrigens mit alten Weggefährten von den Stooges aufgenommen) heißt ›Little Electric Chair‹, Schauder, Iggy lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er selber der zum Tode Verurteilte ist. Aber auch lässt er es sich nicht nehmen, ›Skull Ring‹ mit einem jubilierenden Schrei zu beginnen. Und bevor ich jetzt noch weitere bescheuerte Variationen darauf schreibe, dass Iggy nicht mehr der Jüngste ist, nur so viel: Es sind einfach packende Songs, die mitunter sehr verletzlich und frisch-inspiriert klingen. Hat wohl auch seine Vorteile, Pop zu heißen. Denn, sein ganzer gut gelaunter, großzügiger Gestus beweist:
Iggy Pop versteht vom Pop mindestens so viel wie vom Rock’n’Roll.
Artikel kommentieren
Diese User besitzen die Platte
-

The_Ig