BEWERTEN
 

The Rapture

»Echoes«

[DFA / Universal / VÖ: 20.10.2003 ]

Text: Sebastian Ingenhoff, Sebastian Ingenhoff

Radio 4 gelten mittlerweile ja fast schon als die Heaven 17 des Punkrock. Zumindest haben sie sich mit ihrem letzten Album ›Gotham!‹ und dem darauf enthaltenen Song ›Dance To The Underground‹ ihr Genre selbst geschaffen, ihr Territorium abgesteckt und der Gitarrenmusik das zurückgegeben, was deren Jüngern zuletzt so heftig aus den Armen gerissen und vor die Großraumdisco gelegt wurde – die Tanzbarkeit. Dabei beriefen sie sich auf Bands, an die wir Jüngeren uns gar nicht mehr wirklich erinnern können und die es vielleicht auch niemals wirklich gegeben hat ... wie E.S.G. oder The Dance zum Beispiel. Wobei die Idee, Disco und Punk synkritisch zu betrachten, mitnichten in den letzten Jahren ausgestorben war: Bands wie The Lapse oder The Rapture agierten zwar bis vor kurzem noch jenseits des öffentlichen Interesses, waren aber immer integraler Part und auch Speerspitze einer interessanten wachsenden Szene.

Somit wäre es ein Fehler, Radio 4 als Urheber dessen dingfest zu machen, was sich da in den letzten zwei Jahren aufgetan hat. Sie haben der Sache nur einen neuen Namen gegeben. Dieser Tage veröffentlicht das mit Sicherheit einigen bekannte französische Label Vicious Circle, das in Frankreich u. a. Notwist und Girls Against Boys bekannt gemacht hat und die auch hierzulande immer größer werdende Voodoo/Soul/R’n’B-Ikone King Khan beherbergt, Radio 4s erstes Album ›The New Song And Dance‹ neu. Obwohl das Wort Dance bandintern ja scheinbar Mantra-mäßig heruntergebetet wird, ist das 1999 aufgenommene Album nicht ganz so auf, ich zitiere, Groove angelegt wie sein Nachfolger und lässt die Einflüsse von Gang Of Four oder den frühen Clash noch deutlicher erkennen. Ein Song wie ›Communication‹ deutet aber zumindest schon mal an, um was es in der nächsten Zeit hier noch gehen soll. Man könnte also von Wave/Punkrock mit einem latenten, noch etwas schüchternen Groove sprechen. Und Groove möge mit all seinen Unisex-Möglichkeiten an dieser Stelle doch endlich mal einstehen für das, was für uns Schmalhüftige längst überfällig geworden ist: die Entphallisierung eines despotisch heterosexuell gewordenen Rock-Regimes.

Und wo wir schon mal bei 1999 stehen geblieben sind: In just jenem Jahr begannen auch die oben bereits erwähnten The Rapture, ihre ersten Singles auf diversen Labels in diversen Städten zu veröffentlichen, wie z. B. die grandiose ›Mirror‹-EP auf Gravity Rec. So war es auch kein Wunder, dass The Rapture regelmäßig auf verschiedenen Mixtapes und Compilations auftauchten, wundersam mutet da eher die Tatsache an, dass ›Echoes‹ ihr gerade erstes komplettes Album ist, was bei der Omnipräsenz dieser Band eigentlich unerklärlich zu sein scheint. The Rapture erscheinen optisch ein wenig wie eine Gang, wobei Gang hier das amerikanische Pendant zu Clique sein soll. Schließlich brüsten wir Kerneuropäer uns nicht damit, Teil einer Gang zu sein, was angesichts mangelnder urbaner Strukturen auch wenig credibel herüberkommen würde. Wir bemühen die etwas müdere Form Clique. Der Begriff Gang ist schließlich immer irgendwie lustvoll konnotiert mit Exzessen, Kloppereien, Delinquenz und wildem, promiskuitivem Sex, also solchen Sachen, die in unseren Kreisen kaum einer kennt. Abgesehen von mir vielleicht. Die Gang, von der hier die Rede ist, besteht aus vier Jungs aus unterschiedlichen Zusammenhängen, so spielte Keyboarder Gabe Andruzzi schon u. a. in der Band von Bobby Conn, und das zu einer Zeit, in der die anderen gerade erst begannen, sich für Acid- und Chicago-House, Andrew Weatherall oder die Happy Mondays zu interessieren, und Bassist Mattie Safer auf eine Jazz-Schule gehen wollte. ›Echoes‹ vereint sowohl die energetisch-gitarrenlastige Rauheit der ersten Singles als auch die neueren Experimente mit House, bei denen die Gitarren zugunsten der Synthies und Beatmaschine nach hinten wandern, in den Gitarrenkoffer. Dementsprechend sollte man sich auch nicht von der gerade wieder veröffentlichten Single ›House Of Jealous Lovers‹ irreführen lassen, die trotz ihrer Tanzflächenkompatibilität doch eher an das Frühwerk der Band erinnert. Ein Highlight des Albums ist mit Sicherheit das ebenfalls bereits als Single veröffentlichte ›Olio‹, ein sehr housiger Track mit Robert-Smith-Gesang, aber nicht von diesem eingesungen, sondern von Gitarrist Luke Jenner. Also die bessere und cleverere Variante dessen, was Blank & Jones vor kurzem mit ihrer enervierenden Version von ›A Forest‹ abgeliefert haben. Gesungen werden die Songs teilweise von Luke Jenner, teilweise von Mattie Safer, wobei wirklich bemerkenswert ist, dass die Stimmen der beiden völlig unterschiedliche Klangfarben haben, so wie bei Cindy & Bert. Mit ›Echoes‹ ist The Rapture ein Album gelungen, das unumstritten zu den Höhepunkten dieses Jahres gehört, und live sollte man sie sich auf jeden Fall anschauen, denn auch ihre Show gehört zum Besten, was es auf den Bühnen derzeit zu feiern gibt. Als letzten Song covern sie da übrigens immer Gary Glitter. Der wird vielleicht strahlen.



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