BEWERTEN
 

Erykah Badu

»World Wide Underground«

[Def Jam / Urban / Universal]

Text: T.L. Renzsche, T.L. Renzsche

Eigentlich hätte es in dieser Ausgabe ja ein Feature zu Madame Badu geben sollen. Dann hätte ich mir (wohl) Zeit mit der Review lassen können – von wegen: die Novemberausgabe reicht auch noch. Zeit, um das Album in aller angebrachten Ruhe zu hören und es, wie sagen die Wein-Liebhaber so schön, setzen zu lassen. Doch Pusteblume. Die eingeflogenen Journalisten warteten in der Heimatstadt der Badu, Dallas, vergeblich auf die Grande Madame des Neo-Souls, denn diese spürte in Los Angeles so gar nicht den richtigen Vibe in sich, um sich in ein Flugzeug zu setzen und über ihr neues Werk zu reden. Das kommt wohl davon, wenn man zu oft bei Tischrück-Sessions mitmacht.

Ach, was lob ich mir da eine Ursula Rucker, die doch viel bodenständiger geblieben ist, auf ihrem Weg zwischen Philly und Detroit. Ach, hätte ich doch nur deren Album zum Besprechen bekommen, dann wäre alles viel entspannter. Die Rucker hat noch nicht die hundert Tage Sperrfrist nach dem Release – ähm, vor dem Release natürlich – nötig. Und überhaupt wird da viel weniger Geplänkel gemacht. Ob es nur an den Verkaufszahlen liegt? Aber ich komme ab. Und zwar gehörig. Und außerdem will ich nicht zu viel Schlamm werfen, denn schließlich ist diese Frau abseits des ganzen Drumherums eine der ganz Großen. Zur Erinnerung: 1997 veröffentlichte sie ›Baduizm‹, kurz bevor jeder von der neuen Soulbewegung aus den Staaten sprach; und trotzdem bekam sie ihre Props – und wir wissen alle, wie selten das ist. Mit ›Mama’s Gun‹ lieferte sie 2000 einen okayen Nachfolger ab, leider nicht mehr, aber da war das Privatleben mit dem einen von Outkast wohl zu turbulent. Und jetzt ›World Wide Underground‹, vom politischen Ansatz vielleicht doch etwas zu plakativ betitelt und auch zu weit von ihrer persönlichen Performance entfernt (man stelle sich vor, ein etwaiger weltweiter Untergrund, worin auch immer seine Botschaft und Aufgabe bestehen, würde die Treffen so angehen wie Badu ihre Interviews – dann gute Nacht Revolution), aber musikalisch – und sollten wir nicht genau daran die Künstler namens Musiker messen? – ist das hier richtig überzeugend. So überzeugend, dass ich das Album auf eine Stufe mit dem Debüt stellen möchte; und ich weiß, wie verwegen das so kurz nach dem Eintreffen der CD ist. Die große Stärke von ›World Wide Underground‹ ist die stilistische Vielfalt, nicht weil Vielfalt das Geilste aller Dinge ist (im Gegenteil: meistens sind diese mit grässlichen Attributen wie Potpourri beschriebenen Alben die Pest), sondern weil sie so lässig durch diese tänzelt und am Ende der Stil sowieso schnuppe und alles irgendwie Badu ist. Egal, ob es nun Philly-Soul, Baggy-HipHop oder New Yorker Deep-House ist. Diese Souveränität manifestiert sich auch in der neu gefundenen Liebe zur Länge. Und Liebe ist auch ihr vermitteltes Hauptanliegen. Vielleicht war es ja auch die Liebe, die sie in Los Angeles festgehalten hat. Wir wünschen es uns.



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