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»To Damascus«
[Mute / Emi / VÖ: 13.10.2003 ]
Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
Manchmal ist ja schon nach wenigen Sekunden klar, dass das, was da aus den Boxen des cheapen Redaktions-Ghettoblasters kommt, etwas ganz Besonderes ist. Bei ›To Damascus‹, dem Opener des zweiten Phantom/Ghost-Albums, war dem definitiv so. Ein Schweigen machte sich breit im Raum. Im Folgenden sollte die CD den ganzen Tag durchlaufen – und das will wirklich was heißen im System Popjournalismus 2003. Was schwelgten Kollege Volkmann und ich zum prätentiös-mitreißenden Soundtrack des punkig-slackigen Bildungsbürgertums, den Dirk von Lowtzow (Tocotronic) und Tausendsassa Thies Mynther (Stella, Superpunk, Bierbeben sowie Produzent für Gott, Miss Kittin und die Chicks On Speed) uns da schenkten.
Das Titelstück war ja auch das Eindringlichste beim Auftritt im Studio 672 in diesem Frühjahr gewesen. Bedingt durch seine langsame Aufblende bot es die ideale Plattform für die für
Phantom/Ghost so wichtige Inszenierung, eine Inszenierung, die sich an den ganz Großen der Musikgeschichte orientiert, an den Lou Reeds, David Bowies und Justus Köhnckes – und dabei locker mithält. Im Verlauf der Entwicklung von
Phantom/Ghost vom flüchtigen, nächtlich dazwischengeschobenen Nebenprojekt zu einer eigenständigen Identität hat sich auch die Bühnenpräsenz der beiden verändert: Wirkte
Phantom/Ghost anfangs noch wie ein brüchiges Spiel mit dem Melodramatischen, so ist es mittlerweile eine eigene Bühne geworden. Auf dieser stehen von Lowtzow und Mynther geheimnisvoll im Halbdunkeln, aber gleichzeitig auch selbstbewusst-elitär in vorderster Front, ganz so, wie es eben Künstler machen, die sich ihrer Ausstrahlung und der Essenz des von ihnen Transportierten bewusst sind. Das Tolle an ›To Damascus‹ ist diese ganz besondere Bedächtigkeit der Inszenierung, die Versiertheit des Zitierens aus dem gelebten Kulturkosmos zwischen Literatur, Kunst und Musik. Das ganze große Boheme-Milieu wird hier gezeichnet, manchmal ein bisschen zu bürgerlich, aber immer mit diesem Moment des Scheiterns, dem Abgrund hinter der Sicherheit unseres Seins.
Phantom/Ghost spielen auch auf ihrem Zweitling mit dem Moment des Mystischen, das auch im Projektnamen angelegt ist und das auf dem Debüt ›
Phantom/Ghost‹ allgegenwärtig war. Von der Warte des neuen, zweitens Albums ›To Damascus‹ aus gesehen, war der Erstling allerdings noch leichte Kost mit seinem mäandernden Wesen, irgendwo im Kultur-Mixland aus Comic, Fantasy und dem abgründigen Horror eines Dario Argento. Der elektronische Unterbau (und auch ein Teil der Texte) zu all den transportierten Gefühlen kommt von Thies Mynther. Er gibt Lowtzows fesselnd-eindringlicher und sehr eigener Stimme das notwendige Arrangement-Surrounding, ein äußerst feinteiliges, differentes, stimmungsvolles Surrounding aus Synthesizern, Streichern und den üblichen verdächtigen Sounds – die eben nicht so ganz üblich sind: Bei einem Stück hört man beispielsweise im Hintergrund eine gebärende Frau stöhnen. Und das alles, um die Stimme Lowtzows ins Licht zu stellen. Und wenn dieser dann beispielsweise in ›St. Lawrence‹ nach dem langen, geradezu quälenden Einführen des Charakters plötzlich die Intensität hochschraubt und pathetisch »how beautiful you are, my sleeping star« anstimmt, dann sind die Tränen nicht mehr weit. Das elektronische Piano und die Stimme als Partner in crime in Sachen Melancholie. »You never know when it’s enough, until you know that it is more than enough«, heißt es in ›Born With A Nervous Breakdown‹. Diese Weisheit mag zwar auf so ziemlich alles zutreffen, was man denn so nachts treiben kann – aber die Wirkung des Albums zeigt keine Halbwertszeit, auch nicht nach mindestens 40 gelebten Durchläufen. Mein Album des Jahres, um das mal in dieser Deutlichkeit zu sagen.
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