BEWERTEN
 

Laibach

»Wat«

[Mute / Emi / VÖ: 05.09.2003 ]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Laibach gehörten zu den Achtzigern wie Modern Talking und Helmut Kohl. Ihr Spiel mit der Austauschbarkeit totalitärer Symbolik und Ästhetik und ihre Zusammenführung von Faschismus und Massenkultur haben sich nachträglich als prophetische Vorwegnahme jenes Infernos herausgestellt, zu dem die Neunziger werden sollten. Mauerfall, brandmordende Neonazis und Jugoslawienkrieg waren realpolitische Folgen einer von Laibach eher benennend als warnend vorgenommenen Inszenierung der Zukunft Europas. Auch musikalisch sind die Negativvisionen von Laibach in Erfüllung gegangen. Mit Rammstein zog die Laibach-Ästhetik völlig ironiefrei ins Stadion ein und erfüllte genau das, was Alben wie “Opus Dei” sarkastisch vorgeführt hatten: die Wiederkehr des Faschismus ohne ideologischen Überbau, die reine postmoderne Besessenheit von starken Zeichen bei gleichzeitiger Leugnung jeglichen politischen Kontexts.

Laibach sind von der Geschichte eingeholt worden. Dass sie dennoch weitergemacht haben und nun mit “Wat” eine Platte vorlegen, die keinen Fingerbreit vom Achtziger-Gedonner abweicht, ist mehr als nur jämmerlich. Stücke wie “Tanz Mit Laibach”, eine Art DAF-”Mussolini”-Remake, und “Anti-Semitism” verfehlen ihre Wirkung in einer Zeit, in der kaum jemand mehr gewohnt ist, solche Dinge ironisch zu lesen. Wenn Laibach neoliberale Strukturen und Kriegsphilosophie kritisieren und auf antisemitische Verschwörungstheorien anspielen, hat ihre Verwischung von links und rechts nichts Aufklärerisches mehr, sondern zeugt nur vom tatsächlich in vielen Köpfen vorhandenen Denken. Laibach gestatten es damit fatalerweise, ihre Texte wörtlich zu lesen – linke Antisemiten oder rechte Pazifisten sind nun einmal so sehr Tagesordnung geworden, dass “Wat” keine positiv verstörende Begriffsverwirrung mehr liefert, sondern nur noch Futter für die verkorksten Gedanken jener, die sich heute noch Laibach nostalgisch neben Death In June und Boyd Rice in den Schrank stellen. Ähnlich platt wie der Anti-Bush-Song von DAF verfällt “Wat” in Sloganhaftigkeit und weiß auch musikalisch nichts mehr zu bieten außer dem altbekannten Metal-EBM-Sinfonie-Gruft-Crossover, den viel schlechtere Musiker – etwa Witt – leider längst viel besser hinbekommen.



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