BEWERTEN
 

Blumfeld

»Jenseits von Jedem«

[ZickZack / Wea / VÖ: 01.09.2003 ]

Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether
[481 Kommentare]

Blumfeld, seufz. Sie haben eine neue Platte, aber wie soll man sie rezensieren, wenn man keinen Schallplattenspieler mehr hat? Die Plattenfirma gibt nämlich nur Vinyl raus – um der Internet-Piraterie vorzubeugen –, betteln hilft da gar nichts. Und während man schlecht gelaunt sein Adressbuch durchtelefoniert, um jemanden zu finden, der eventuell noch einen funktionierenden Plattenspieler besitzt, denkt man die ganze Zeit: Das machen die doch mit Absicht. Irgendwie glauben die doch, dass man den Fortschritt auch mit altmodischen Mitteln vorantreiben kann. Haben sie auf ihrem letzten Album etwa nicht den Protestsong wieder belebt? Und sich in Interviews darüber beschwert, dass der neokonservative Zeitgeist die Moral verdammt? Hat Blumfeld-Sänger Jochen vor zwei Jahren auf der Popkomm.

nicht sogar eine Latzhose getragen? Von wegen: “Support your local Schmerz.” Die Journalisten sollen sich gefälligst anstrengen. Schließlich wusste schon der Beat-Poet Rolf Dieter Brinkmann in diesem Text, den Jochen auf dem neuen Album weitergeschrieben hat, dass faule Ausreden nicht gelten: “Der Schallplattenspieler, repariert, macht weiter.” Na dann. Dabei hätten Blumfeld es nicht nötig, einen so zu ärgern. Sie sind schließlich die einzige deutsche Band, auf die sich, bei aller Kontroverse, noch immer alle (Journalisten) geeinigt haben. Blumfeld-Kritik ist, auch wenn Jochen nichts dafür kann, wie Kirchen-Kritik. Am Ende muss bei dabei rauskommen, dass Jesus lebt. Und wahrhaftig: Er lebt. Er ist ein verdammt guter Gitarrist. Was nicht jeder Dichter von sich behaupten kann. Es ist im Gegenteil sogar gefährlich, für die Dichtung so gut Gitarre spielen zu können. Die “einfachen” Akkorde der Gitarristen wollte Brinkmann in seinen Gedichten nachahmen, Musik ins Medium der Sprache transportieren, während der langjährige Brinkmann-Fan Jochen Distelmeyer wohl ganz froh darüber ist, mehr als nur die Worte zu haben. So muss er sie zumindest nicht immer wieder neu erfinden oder erhören.

Denn, das muss auch echt mal gesagt werden: Jochen kann sogar besser Gitarre spielen als fast alle anderen Singer/Songwriter hierzulande. Die Musik eines ganzen Blumfeld-Albums kann er mit der Kraft seiner Gitarre tragen. Und es hat seiner Gedicht-Musik nicht geschadet, dass der kongeniale Bassist und Kante-Frontmann Peter Thiessen nicht mehr dabei ist. Jochen beansprucht wieder offen Raum für sich. Und man ist schon stark beeindruckt, dass es nur zwei Lieder gibt, auf denen eine zweite Gitarre eingesetzt wird, dafür gibt’s jetzt mehr Bläser, von Saxophon bis Flügelhorn. Die Musik, so heißt es, war zuerst da, dann kamen die Lyrics. Interessant. Hat der Text sich der Musik ergeben, oder umgekehrt? Fast egal. Denn beides bildet eine – für Blumfeld seltene – Einheit. Bislang haben sich Musik und Text ja gerne angeschrieen oder zumindest angeschwiegen. Aber “Jenseits Von Jedem” fließt ungeheuer harmonisch, leicht und voller Lebensfreude. Die Euphorie des Moments kommt rüber, auch wenn die Texte immer wieder bei der Alltagssprache der 70er landen. Vielleicht findet man die Natur deshalb so hinreißend beschrieben. Es hat etwas zeitlos Schönes, wie da durch Gottes Schöpfung spaziert wird. Wie man überhaupt andauernd das Wort “schön” schreiben will, wenn man über diese fünfte Blumfeld-Platte schreibt. Es ist einfach eine schöne Platte. Dabei gibt es – bei aller Vielfalt des Arrangements und der verwendeten Instrumente – eigentlich nur zwei verschiedene Songs: den schnellen Midtempo-Gitarrenpop-Schlager – manchmal leicht swingend – und den langsameren Midtempo-Gitarrenpop-Schlager. Das ist nicht viel, aber umso mehr, weil die Gitarren ja so toll malen: mal nachdenklich, dann wieder stürmisch, verspielt und doch direkt.

Auf dem Rück-Cover wurde ein Bild des impressionistischen Malers Claude Monet nachgestellt: Man sieht das Blumfeld-Trio und Freunde beim “Picknick im Grünen”, und das Internet spuckt zum Thema Monet jede Menge Adjektive aus, die man, ohne darüber nachzudenken, auf die Platte übertragen könnte: Monets Bilder – sie tragen Namen wie “Seerosen im Abendlicht” oder “Das Tulpenfeld” – zeichne eine “tiefe Traurigkeit” aus, vermittelt durch “dünne Farbschicht auf schimmernder Leinwand”, von “raschen, nervösen Pinselstrichen” ist die Rede, und von der “Unbestimmtheit der Gegenstände”. Passt doch. Und dann ist da noch die “optische Aufrichtigkeit”. Alles klar: Es hat wirklich etwas optisch Aufrichtiges, wie scheiße und alt und unmodisch alle Beteiligten auf dem Picknick-Foto aussehen. Aber ob da die MTV-Leinwände noch schimmern werden? Ob die chartstaugliche Produktion etwas bringt, wenn eine Band unbedingt ihr Älter-Werden ins Pop-Blitzlicht hinüberretten will? Man könnte ihnen schon vorwerfen, dass sie Protest-Attitude und Protest-Song mehr denn je essenzialisieren. Auf der anderen Seite wird aber auch der Pop essenzialisiert und banalisiert – es geht weiter in Richtung Schlager. Manche haben nach Blumfelds Hamburg-Konzert (mit R.E.M.) auf Reinhard Mey getippt. Andere behaupteten wiederum, die schlagerhafte Umsetzung würde den Songs nicht unbedingt die Schlagkraft nehmen. Schon klar: “Jenseits Von Jedem” verfügt eben trotzdem über die komplizierte Sensibilität und Radikalität guter Rock-Platten.

Womit wir bei den Texten angelangt wären. Cool ist schon, dass Blumfeld den irgendwie schönsten, weil inhaltlich vielfältigsten Song als Single ausgekoppelt haben. “Wir Sind Frei” beginnt, für einen Pop-Song, ziemlich ungewöhnlich: “Aus Sternenstaub und Teil des Meers. Ergebnis der Gezeiten. So kreisen wir schon länger hier. Durch unbegrenzte Weiten.” Wow. Da kann selbst Nenas “Im Sturz durch Zeit und Raum, erwacht aus einem Traum” nicht mithalten. “Wir Sind Frei” bestärkt den Eindruck, dass Jochen, in einem fast therapeutischen Sinne, bei sich selbst angekommen ist. Als müsse er in dieser Phase, die eigentlich keine mehr ist, auch keine diskursive Kunstsprache mehr sprechen. Vielleicht traut er sich deshalb auch, in der Singleauskopplung auszusprechen, was viele schon lange denken: “Und manche sagen: Der Typ gehört in Therapie. Kann sein, doch um mich weht ein Hauch von Anarchie.” Vielleicht besteht die Therapie bzw. Anarchie ja darin, voll und ganz in den 70er-Jahren zu verweilen.

Denn Jochen greift immer wieder auf deren Vokabular und Kritik-Gestus zurück, ob Absicht oder nicht, ist dabei nicht entscheidend, weil er es nirgendwo von außen reflektiert. Songs heißen: “Krankheit Als Weg”, “Jugend Von Heute” oder eben “Wir Sind Frei”. Da wird kritisiert, dass jemand “Luftschlösser auf Sand baut”, “sich wegduckt” und “nicht aufmuckt” – um nur mal drei x-beliebige Beispiele zu nennen. Und das sind alles so Worte, die man höchstens noch Alice Schwarzer verzeiht. Der sozialrealistische Blick der 70er – der bei allem Mitgefühl etwas Mitleidloses hatte und hier nicht zufällig nach Lindenberg klingt – haftet auch dem eigentlich sehr schönen Song “Armer Irrer” an. Seine hanseatische Hemdsärmeligkeit verlässt Jochen erst im sechsten Stück “Neuer Morgen”. Ziemlich dem Hörer zugewandt, singt und flüstert er sich hier seine Psycho-Ratgeber von der Seele: “Gib nicht auf – es kommt ein neuer Morgen. Lass es raus – den Schmerz und deine Sorgen.”

Und dann ist da natürlich noch der – gelinde gesagt – Dylan-Einfluss. Am eindrucksvollsten im 15-Minuten-Titelsong, mit Mundharmonika sogar. Leider Gottes möchte man den Dylan aber auf moderner hören. Wo nicht der “weiße Clown auf dem Drahtseil tanzt” und “die Gaukler ihre Tricks zeigen”, wie beim Stadtteilfest in der Fußgängerzone oder in der Spielzeugabteilung. Oder ist Jochen schon beim späten Dylan angelangt? Aber ein Text wie “Die Jugend Von Heute” – oh Gott. Das wird sicher mal das Lieblingslied vom Popbeauftragten der SPD. Man muss die Jugend eben nehmen, wie die Jugend eben ist. Sie lungert so rum in den Innenstädten und ist zu nichts zu gebrauchen. Da kann man schon mal lehrermäßig jovial werden. Befund: “Jugend von heute – Zukunft von morgen ... Beim Bummeln und Shoppen – wie ihre Alten. Nur andere Klamotten und mehr Taschengeld.” Man will ja flott bleiben, man will die Jugend ja auch verstehen. Wie alt ist der 36-Jährige eigentlich? Wie kann man sich so vom Jung-Sein ausnehmen? “Sie haben es wirklich nicht leicht. Aber auch nicht wirklich schwer. Vielleicht ist das ihr Problem.” Bestimmt nicht. Es ist doch eher so, dass die Jugend von heute auch die Zukunft von heute ist. Vielleicht ist DAS ihr Problem. Sie muss zu sehr in der Gegenwart leben, die Träume sofort in die Tat umsetzen. Da fällt es schwer, noch Utopien zu haben, die Jochen etwas sagen könnten. Das Privileg des Rumlungerns hat die Jugend von heute – im Gegensatz zur Jugend von gestern – wohl wirklich nicht mehr. Dagegen ist “Alles Macht Weiter”, seine Neufassung des Brinkmann-Textes, ein guter Song. Hier können die ungebrochenen 70er-Begrifflichkeiten plötzlich verblüffen: “Die Geschichte macht weiter. Die herrschende Klasse. Der Hass auf die Frauen. Die Versklavung der Massen” und so weiter. Und natürlich: “Alfred macht weiter.” Ganz großes Kino. Letzte Frage: What’s the problem? Der Typ wird wohl noch in den 70ern zu Hause sein dürfen – ohne dafür im Intro blöd angemacht zu werden. Stimmt. Man muss doch auch das Älter-Werden libidinös besetzen – jünger werden wir ja schließlich alle nicht mehr. Stimmt. Und das ist doch nun wirklich eine großartige Pop-Platte. Absolut. Und Distelmeyer ist auch immer noch sexy. Allerdings. Die blöde Sprache der Gegenwart hört man doch eh überall. Geschenkt. Besteht das Seelen mordende Drama der Jugend von heute nicht gerade darin, dass sie nicht erwachsen werden darf? Hm. Ist es da nicht toll, dass mal einer mit Herz und Seele zu sich selbst steht? Ja, absolut. Und sogar wieder die Sprache seiner Kindheit und Jugend spricht – anstatt sich wie blöd an die ganze bunte Pop-Scheiße anzupassen. Eben. Ist es da nicht toll, dass Jochen weitermacht? Genau: Still sexy after all these years.



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  • User: Reverend
  • Reverend 22.07.2003 | 19:46:40
    war immer aufrichtig
    Überraschend gut geschrieben.
    Lindenberg, Jesus, Mey, 70erJahre-Sprache, Dylan, Nena, Natur, SPD...passt schon alles.
    Bei solchen Referenzpunkten trotzdem noch eine gute Popplatte hinzubekommen, ist schon ein kleines Kunststück.


    Obwohl sich das teilweise so liest, als habe sich Grether sogar noch einige Gemeinheiten verkniffen, die für diese Platte vielleicht sogar berechtigt gewesen wären. Aber am Schluss siegt die Sympathie. Und das geht in Ordnung.

  • schunkel 22.07.2003 | 20:01:34

    "Blumfeld-Kritik ist, auch wenn Jochen nichts dafür kann, wie Kirchen-Kritik. Am Ende muss bei dabei rauskommen, dass Jesus lebt."

  • User: lamb
  • lamb 22.07.2003 | 20:25:55
    schreibt
    @reverend: sehr euphorisch klingst du aber nicht gerade. wieso berechtigte "gemeinheiten"?

  • User: captain kidd
  • captain kidd 22.07.2003 | 20:49:50

    kann ja auch nicht jede platte immer besser werden. mein eindruck nach meinem hören.
    ich versteh nur diesen technikaspekt nicht. gerade vom rrriot girl kerstin g.
    frieden.

  • User: Reverend
  • Reverend 22.07.2003 | 21:26:56
    war immer aufrichtig
    @lamb: Ich bin auch nicht euphorisch. Aber ich halte mich mit meiner Enttäuschung erstmal noch zurück, bis ich der Platte die fünfte und sechste Chance gegeben habe.
    Immerhin vier Songs finde ich jetzt schon großartig. Der Rest ist erstmal Schweigen.

  • User: lamb
  • lamb 22.07.2003 | 21:39:58
    schreibt
    puuh, leute... echt so schlimm??? :(

  • schunkel 22.07.2003 | 21:41:51

    uiuiui

  • User: captain kidd
  • captain kidd 22.07.2003 | 21:43:27

    mag ich sie dann vielleicht???

  • User: Reverend
  • Reverend 22.07.2003 | 21:46:59
    war immer aufrichtig
    @patte: Die hab ich bisher noch nicht bekommen....ok bei "Neuer Morgen" vielleicht...also eine Morgenl....ahahahahahaha.

  • User: Reverend
  • Reverend 22.07.2003 | 21:48:05
    war immer aufrichtig
    @captain kidd: Der Titelsong ist was für Dich. 15 Minuten Dylan-Einfluss mit peinlichem Text und Mundharmonika-Solo.

  • User: captain kidd
  • captain kidd 22.07.2003 | 21:52:35

    @ Rev
    hihi. ja klang ja schon in der rezi an.
    ist aber nicht so gut wie das dylan stück (das meiner meinung nach ja auch ÜBER dylan ging) auf der [schrecklichen] platte von kante???

  • User: eule1969
  • eule1969 23.07.2003 | 09:18:15
    subversiv
    diese plattenbesprechung macht mir angst! hilfe!

  • anysing 23.07.2003 | 09:36:53

    @captain kidd: "life on the electric avenue"? ich weiß nicht, das ist doch kein song über dylan. vielleicht über hilsberg oder so. jedenfalls irgend so'n szenetyp mit hamburg im hemd. und "zweilicht" ist eine sehr ansprechende platte.

  • User: plus_i
  • plus_i 23.07.2003 | 12:18:38

    Was ein Brüller: Kerstin Grether hat keinen Plattenspieler!!! Dass ich das noch erleben darf!
    Das sollen mal bloß die Kölner nicht mitkriegen!

  • User: zaphodd
  • zaphodd 23.07.2003 | 13:20:35

    Schreckliche Platte von Kante? Kann mir nicht vorstellen, dass es so etwas gibt...

  • ericstrip 23.07.2003 | 14:09:49
    Trabibändiger
    Von Frau Grether hätte ich auch eine bessere technische Ausstattung erwartet, hihi... Aber: Wenn das Vinyl schon fertig ist, warum krieg ich dann noch keins?

  • User: endgegner
  • endgegner 23.07.2003 | 16:34:20

    live on the electric avenue handelt von knarf rellöm.
    und die rezension ist bullshit. grether an der spitze der gegenwart hat die 70er doch gar nicht mitbekommen und machts sich mit den stetig wiederholenden verweisen auf jochens nostalgie oder zurückgebliebenheit oder wie auch immer doch ziemlich einfach.

  • User: naur
  • naur 23.07.2003 | 17:15:28

    Da ist noch nicht mal die Single in den Läden und schon wir zerstückelt was zerstückelt werden kann. Bob Dylan??Kante??Schrecklich??? Ich bitte euch.
    Schönen Tag noch.

  • ericstrip 23.07.2003 | 21:05:14
    Trabibändiger
    Eben. Erst mal hören. Wo bleibt jetzt meine Platte?

  • umi 23.07.2003 | 22:48:08

    ich bin sicher, dass kerstin grether, bei ihrer plattensammlung, einen plattenspieler besitzt.

    don´t touch the beloved grether sisters!

  • umi 24.07.2003 | 01:11:47

    nie war frau so unfrei wie heute

    nie war ein mann so frei wie heute

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