BEWERTEN
 

John Tejada & Arian Leviste

»Fairfax Sake«

[Playhouse / Neuton / Efa / VÖ: 30.05.2003 ]

Text: Jan Kedves & Michael Saager, Jan Kedves & Michael Saager
[4 Kommentare]

Für:
Es ist keine große Kunst, angesichts der Veröffentlichungsflut John Tejadas den Überblick zu verlieren. Der Mann aus L.A. produziert Techno genauso wie House, Downbeat und Drum’n’Bass, all das mehr oder weniger exzellent, und verteilt es auf so viele Labels wie sonst höchstens ein Hakan Lidbo. Gemeinsam mit Arian Leviste hat er gerade ein Album auf Moods&Grooves veröffentlicht, da folgt schon das nächste, diesmal auf Playhouse. Und man rechnet schon fast damit: als “Überraschung” kann man “Fairfax Sake” nicht bezeichnen. Es geht nicht um das Aufbrechen eines Formats – in diesem Fall Minimal-Tech-House –, sondern darum, die größtmögliche Freiheit aus diesem herauszukitzeln.

Alle elf Tracks sind zwischen 125 und 130 bpm schnell und mehr oder weniger exakt fünf Minuten lang. Innerhalb dieses strikten Rahmens suchen Tejada und Leviste die Abwechslung – heraus kommt dabei fein krispelige, clevere und durchaus charmante Tanzmusik. Weit genug weg vom häufig zu stark an organische Soul-Muster angelehnten Deep-House, aber immer noch beseelt genug, um nicht auf die Nerven zu gehen bzw. als “stumpf” abgestempelt zu werden. Wichtig auch: Hier gibt’s keine Hits. Die Motive, die auf “Fairfax Sake” ins Ohr gehen, sind keine klebrigen Chart-Hooks, sondern kleine, sich quer durch verschiedenste Soundschnipsel zusammengebastelte Melodie-Andeutungen. Sie ermöglichen ein Andocken an Pop-Standards, allerdings jeweils “nur” für die Spieldauer des jeweiligen Tracks. So laufen Tejada und Leviste niemals Gefahr, als Klingelton auf Handys zu landen oder zu “TOTP” eingeladen zu werden. Bedauerlich oder besser so – “Fairfax Sake” steht sein eingebautes Vergessen jedenfalls besser zu Gesicht als vergleichbaren Angeboten aus dem überquellenden Fach namens “Minimal”.
Jan Kedves

Wider:
Bemerkenswert häufig wird in Artikeln und Reviews auf John Tejadas hochmusikalisches Elternhaus verwiesen: Vater Dirigent, Mutter Opernsängerin. Was im wiederholten Benennen seiner musikalischen Herkunft anklingt, ist möglicherweise der hartnäckige Zweifel eines Genres an der eigenen musikalischen Legitimation, der mit Hilfe Tejadas ausgeräumt werden könnte: Der Sohnemann, der qua Elterneinfluss selbstredend eine umfassende musikalische Ausbildung erhalten hat, landet gerade nicht im Konzertgraben. Er macht – ausgerechnet! – Techno. Schön für Techno. Indes ist gerade Tejada kein allzu typisches Pflänzchen im Garten der kalten, harten Beats. Er gilt als ausgesprochener Grenzgänger. Seine verspielten Kompositionen haben viel gemein mit den Produktionen anderer experimentierfreudiger Eckensteher wie Dan Curtain und Morgan Geist. Und ohnehin ist Techno nur ein musikalisches Betätigungsfeld des in Rockcity L.A. ansässigen Multiinstrumentalisten. Tejada mochte sich noch nie auf eine Form festlegen, weshalb er, je nach Label und Laune, gerne auch House, Elektronika, HipHop oder Postrock produziert.

Mit Arian Leviste arbeitet Tejada nunmehr seit elf Jahren zusammen. Gemeinsam sind sie für das Label Palette verantwortlich, eine ziemlich persönliche Plattform für das Ausloten musikalischer (Un-) Tiefen. Vor kurzem haben sie mit “The Dot And The Line” auf Moods&Grooves ein Detroit-inspiriertes Technofunk-Album veröffentlicht. “Fairfax Sake” hingegen, ihre jüngste Zusammenarbeit, zielt – wiederum von der musikalischen Basis Detroit ausgehend – stärker in Richtung House oder Tech-House. Das Album besinnt sich auf Weniges, das aber umso gründlicher. Im Gegensatz zu vielen Palette-Releases ist “Fairfax Sake” von nahezu bescheidener Deepness bzw. Melodiösität und insgesamt von großer Klarheit. Beats, Bass und Hi-Hats, die sich nicht immer zwischen House und Techno entscheiden wollen, sorgen für einen nahezu Playhouse-typischen Groove des Geschehens – leicht und trocken, bisweilen etwas kantig. Darüber die Sounds, in übersichtlicher Anordnung: eine Reihe wärmender, verhaltener Flächen in Moll, ein paar Bleeps und schließlich das, womit Tejada und Leviste einmal mehr ihren guten Ruf als Techno-Mucker unter Beweis stellen: irgendwie schlau fabrizierte, leicht disharmonische Melodiechen auf einer gemäßigt abgehobenen Jazzebene, die zwar nicht nerven, aber in ihrer Ausgedachtheit immer ein wenig zu naseweis und überambitioniert wirken.
Michael Saager



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  • User: webmonsterle
  • webmonsterle 22.05.2003 | 14:01:32

    ich hab diverse scheiben von Herrn Tejada, aber über kurz oder lang klingen die alle irgendwann zu glatt. Die Kanten, die er (allein oder mit Partnern) in seine Musik hineinproduziert, sind einfach nicht scharf genug. Ich hab die neue Scheibe bisher vier mal angehört und will es kaum glauben: schon jetzt nerven die ersten Stücke...
    Diese Übung hat er nicht bestanden. Eine 12" hätte auch gereicht. Aber nein, es ist ja auch für Playhouse fast ein Ritterschlag, eine Do12" von Herrn Tejada veröffentlichen zu dürfen.
    Ich finde übrigens auch, dass er mit seinem Projekt "I am not a gun" auf Morr Music genauso neben das Ziel getroffen hat. Überproduzierte Mucke von einem überambitionierten Mucker. Wie heißt das doch immer so schön? Schuster, bleib bei deinem Leisten. Oder: Tejada, bleib bei einer Sache.

  • henrik44 22.05.2003 | 14:49:50

    ich finde I am not a gun gelungen. Sehr aufregendes Experiment à la "Postrock vom Houseproduzenten"

  • User: Konnie
  • Konnie 26.06.2003 | 12:46:28

    wie kann man von electro erwarten, dass es immer wieder gelingt vor innovationen zu sprudeln. garnicht. kraftwerk ist tot. ich freu mich lieber über die vielleicht nich allzu kreative aber dennoch schöne musik, die mir schon so manche fahrt mit der strassenbahn versüsst hat. ganz unauffällig aus dem hintergrund.

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