BEWERTEN
 

Goldfrapp

»Black Cherry«

[Mute / Emi / VÖ: 01.01.1970 ]

Text: MichaelMKrumbein, MichaelMKrumbein

Manchmal genügt der erste Ton, die erste Note, der erste Sound, um daraus schon eine Schlussfolgerung über ein Album ziehen zu können. Sicher, für eine tiefer gehende Analyse sollte man sich mehr als nur den ersten Eindruck zu Rate ziehen. Und zugegeben: Gerade im Kontext einer Reviewausgabe mag dieses Hervorheben des ersten - und prägenden - Eindrucks etwas verwundern. Dennoch: Als Hinweis auf das zu Erwartende kann ein Ton schon dienen, kann man daran doch festmachen, ob eine Platte den an sie gestellten Erwartungen gemäß eröffnet wird oder ob man sich auf Überraschungen einstellen darf.

Im Falle von Goldfrapps \"Black Cherry\" ist der erste Sound ein Basston, gepaart mit einer Bassdrum.

Was daran so bemerkenswert ist? Nun, auf Goldfrapps erstem Album, \"Felt Mountain\", ist ein vergleichbarer Bass nicht zu hören gewesen. Und was die Bassdrum betrifft: Das Bemerkenswerte daran ergibt sich aus einer Äußerung im Intro-Interview mit Goldfrapps Will Gregory zur letzten Platte: \"Sampling, Beats, HipHop ... - damit haben wir nichts gemein.\" Wenn aber im neuen Opener \"Crystalline Green\" nach 26 Sekunden auch noch ein Stepsequenzer einsetzt und der Track damit endgültig ins Rollen kommt, werden doch zwei Sachen sofort deutlich. Erstens: Goldfrapp haben sich verändert. Zweitens: Goldfrapp stellen Regeln nur auf, um sie im nächsten Moment mit Vergnügen zu brechen.

Hinterher ist man immer schlauer. Und betrachtet man das Handeln des Duos in den vergangenen zwei Jahren einmal genauer, dann hätte man eigentlich ob der Veränderungen gar nicht so überrascht sein müssen. Kurz nachdem Gregory (im selben Interview) noch ankündigte, Goldfrapp wollten ihre Songs noch nicht für Filme zur Verfügung stellen, da es noch zu früh sei, die Musik mit Bildern zu verbinden, konnte man die Single \"Utopia\" schon im Fernsehen im Werbespot eines Reiseveranstalters sehen: Weite Horizonte, Meer, Strand, Aufnahmen aus einem Hubschrauber heraus - das alles bediente die Klischees, die man mit \"Felt Mountain\" ohnehin schon in Verbindung gebracht hatte. Dass es auch anders geht, bewies ein MP3, das zur Tour 2001 im Netz auftauchte: Goldfrapp coverten Olivia Newton-Johns \"Physical\". Die Band klang hier hedonistischer, lieferte ein deutliches Statement zur Sexualität ab und schielte zu allem Überfluss auch noch auf die Tanzfläche. Dass es sich dabei nicht nur um einen kurzen Flirt handelte, bewiesen Allison Goldfrapps DJ-Sets, die sie unter anderem auf dem Sonar Festival 2002 in Barcelona zum Besten gab.

In dieser aufgezeigten Entwicklung ist \"Black Cherry\" zweifellos die logische Konsequenz. Zu diesem Schluss kann man aber erst kommen, nachdem \"Train\", der zweite Track und die erste Single, einen schon überrollt hat und man mit dem Titelsong des Albums etwas zu Atem kommen kann. Der ist nämlich ein Oldschool-Goldfrapp-Song: Streicher, zurückgenommenes Schlagzeug und ein über allem schwebender Gesang. Von dieser Kategorie gibt es noch zwei weitere Songs auf dem Album. Die anderen sieben weichen von diesem Schema ab - und zwar in alle nur erdenklichen Richtungen. Zum Beispiel \"Tiptoe\": Penetrante Synthie-Sounds, scheppernde Elektro-Drums und Textzeilen wie \"You feel good, you feel right, so good, tiptoe over me\" haben nur wenig mit der klanglichen Wandtapete bzw. \"Architekten-Musik\" - wie \"Felt Mountain\" unter der Hand beim deutschen Label gehandelt wurde - von vor gut zwei Jahren gemein. Hier wird nicht versucht, zaghaft einen Fuß in die Tür zu stellen. Hier werden die Türen mit Plateaustiefeln selbstbewusst und ohne Rücksicht auf Verluste aufgetreten. Zum Beispiel \"Deep Honey\": Hier haben sich Goldfrapp allen Ballasts entledigt und holen Allison Goldfrapps Gesang so greifbar nach vorne wie bisher noch nie. Eine Synthie-Fläche, die verzweifelt versucht, ihre Tonhöhe zu halten, und dezente Streicher - mehr braucht das Duo gar nicht aufzufahren, um einen beeindruckenden Song abzuliefern.

Interview

Als ich mir die Platte anhörte, fiel mir auf, dass sie in ihrer Dynamik wesentlich variabler ist als noch \"Felt Mountain\". Ich habe versucht, das in dieser [unten abgedruckten] Grafik deutlich zu machen. Hier ist die \"Felt Mountain\"-Linie, es gibt demnach drei \"Oldschool-Goldfrapp-Songs\", alle anderen aber liegen jenseits dieser Linie. Entweder sind sie ruhiger, wie zum Beispiel \"Deep Honey\", oder sie sind wesentlich lauter, so wie \"Tiptoe\".

Allison: Diese Kurve sieht aus wie mein CTG, wie meine Gehirnströme. [lacht]

Will: Im Grunde genommen denke ich, dass wir dieses Mal einfach nur den Verstärker aufgedreht haben. Bei der ersten Platte gingen wir sehr kontrolliert zur Sache, dass man in der Tat nur eine Linie darauf hat. Bei \"Black Cherry\" haben wir uns ein wenig gehen lassen. Es ist letztendlich das Gleiche, allerdings nur wesentlich stärker in alle Richtungen ausgedehnt. Würdest du die \"Felt Mountain\"-Linie zehnmal ranzoomen, dann würde sie genauso aussehen wie das Zickzack-Muster von \"Black Cherry\".

Bei \"Black Cherry\" wird auch klar, dass es euch beiden Spaß macht, Regeln aufzustellen, nur um sie danach wieder zu brechen.

Will: Als wir uns zu dieser Platte die ersten Gedanken machten, sagten wir uns: \"Okay, wir wollen keine Gitarren, wir wollen keine Beats, wir wollen keine Samples, wir wollen keine Breakbeats, am besten gar kein Schlagzeug ...\" Und im nächsten Moment haben wir auf diese Liste geguckt und gesagt: \"Wir werden genau diese Elemente für die Platte nehmen und sehen, was passiert.\" [lacht] Letztendlich haben wir dann keine Breakbeats genommen und auch keine Samples, welche Aversion auch immer wir da haben ...

Allison: Für mich ist diese Platte eigentlich im Grunde genommen so wie die letzte, wir haben nur andere Sachen betont. So hatten wir jetzt die Gelegenheit, Disco, Dancemusic, 70s- und 80s-Sachen einzubringen, Drama, Dekadenz - all diese Sachen, die wir lieben und die bei \"Felt Mountain\" nicht passten. Und unser Ansatz, ohne Vorbereitung ins Studio zu gehen, war auch sehr aufregend. Letztendlich konnten wir damit unmittelbar auf die Sachen eingehen, die gerade um uns herum, in unserem persönlichen Leben, passierten. \"Felt Mountain\" war da schon reflektierter. Hier konnten wir uns Regeln vornehmen und die im nächsten Moment einfach wieder brechen. Das war ein sehr kreativer Prozess im Studio.

Viele Leute werden wahrscheinlich versuchen, den genauen Zeitpunkt oder den Anlass festzumachen, als sich bei Goldfrapp der Sound veränderte. Wobei meiner Meinung nach die Auswahl von Olivia Newton-Johns Song \"Physical\" für euer Live-Set einen ersten Hinweis auf Veränderungen gab. Damals erschien die Wahl von \"Physical\" überraschend. Inzwischen sehe ich da eine Linie von \"Felt Mountain\" über \"Physical\" und Allisons DJ-Sets zu \"Black Cherry\". War euch damals bewusst, dass der Song so etwas wie ein Startpunkt für eine spätere Entwicklung ist?

Will: Also, bei \"Physical\" war es so, dass wir es nicht wegen des Songs, sondern wegen des Elektro-Aspekts ausgewählt hatten. Auf der Tour kam zu dem Song immer unser Schlagzeuger auf die Bühne, der dazu Elektro-Drums gespielt hat, was immer gut funktionierte. Die Popness des Songs hat sicher auch zu der Entscheidung beigetragen.

Allison, haben deine DJ-Sets bei der Auswahl von Sounds auf der Platte eine Rolle gespielt?

Allison: Ja. Das Auflegen war eine fantastische, befreiende Erfahrung. Es war eigentlich als ein Promotiongag an mich herangetragen worden. Aber es kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Hier ging es mal nicht um mich oder unsere Musik. Es ging einfach um das Auflegen von Platten, die ich mag, zu denen man tanzen kann. Dadurch habe ich den Spaß in der Musik wieder entdeckt. Und ich entdeckte Sachen wieder, die ich schon längst vergessen hatte. Das war klasse.

Was hast du aufgelegt?

Allison: 70s-Disco, frühe Elektro-Sachen, Rock-Platten, Rock-Balladen. Sachen wie \"Physical\", wo man damals, als die rauskamen, dachte: \"Oh Mann, was ist das denn für ein Mist.\" Und besonders schön ist es ja, wenn man Sachen, die man anfangs abgrundtief gehasst hat, auf einmal zulässt und akzeptiert. Das ist so eine befreiende Sache und macht so viel Spaß.

Wie war das denn zwischen euch beiden? Hat einer den anderen davon überzeigen müssen, in welche Richtung man gehen sollte? Oder wart ihr die ganze Zeit auf derselben Wellenlänge?

Will: Nein, ich denke nicht, dass wir immer auf einer Wellenlänge waren. Ich glaube aber schon, dass Allison etwas fordernder war als ich. Sie ist eine Person, die immer bemüht ist, den einen Schritt weiter zu gehen. Sie musste mich schon etwas anschieben, da ich z. B. nicht gewohnt war, mit Drums zu arbeiten. Ich fühle mich eher in Harmonien wohl und in Streichern. Allison musste mich da an einigen Stellen durchaus überzeugen. \"Train\" war der erste Song, bei dem wir dachten, dass der so wird, wie wir uns das für die Platte vorstellen. Als ich das erst mal verinnerlicht hatte, war ich schon wesentlich zufriedener. Ich sah, dass es funktionierte und dass ich es mochte.

Für mich hat die Platte eine starke hedonistische Haltung, sie hat eine starke sexuelle Komponente. Das sind alles Eigenschaften, die ich eher auf Allison zurückführen würde. Will, wo genau findest du dich denn in diesen Stimmungen wieder?

Will: Das ist etwas, was uns immer schon Sorgen gemacht hat: Dass Leute versuchen, uns Rollen in der Band zuzuschreiben. Um ehrlich zu sein, könnte ich dir nicht mal genau sagen, wer von uns welche Rolle hat, da sich das höchstwahrscheinlich im nächsten Moment wieder ändern würde. Wir machen beide alles. Wir sitzen beide da, hören uns das alles an und sagen am nächsten Tag: \"Das ist alles falsch. Lass uns das noch mal machen.\" Wir sind beide immer mit dabei - bei allem. Bei diesem Album sogar noch mehr als beim letzten, dadurch, dass wir die Platte bei null angefangen haben. Ich denke, es stimmt, dass Allisons DJ-Erfahrungen einen gewissen Kick mitgebracht haben und zahlreiche Ideen entstehen ließen, die schon von ihr ausgingen. Sie war sicher die ausschlaggebende Kraft bei dem Vorhaben, sich gehen zu lassen. Es ist also schon so, dass sie die ganze Sache etwas angeschoben hat, aber als wir beide erst mal in die Gänge kamen ... Wir mögen beide Disco, überhaupt haben wir fast identische musikalische Vorlieben. Und so gibt es auch auf \"Black Cherry\" nichts, was jenseits meiner Persönlichkeit oder meiner Vorstellungen liegt.

Wie lange habt ihr eigentlich für die Aufnahmen gebraucht?

Will: Ein Jahr.

Gab es Momente, die euch wirklich den Nerv geraubt haben, wo ihr dachtet, dass ihr mal langsam fertig werden solltet?

Will: Ja. Es war gerade zu Beginn sehr nervenaufreibend, bis wir \"Train\" und \"Hairy Trees\" hatten. Die ersten beiden Monate, Januar und Februar, waren schlimm. Ich denke, dass diese beiden Monate des Jahres ohnehin schwierig sind. Mit dem Frühling kamen wir dann aber in die Gänge und richtig drauf. Die Anfangsschwierigkeiten hatten sicher auch damit zu tun, dass wir so lange nicht mehr im Studio gewesen waren. Es ist ja schon ein bisschen so, als wolle man ein Buch schreiben, ohne zu wissen, was für eine Geschichte man eigentlich erzählen will. Wir wussten auch nicht, wie unsere Geschichte sein würde.

Stimmt der Eindruck, dass ihr im Studio völlig auf euch allein gestellt wart, dass es da keinen oder nur wenig Austausch mit der Außenwelt oder anderen Personen gab?

Allison: Ja, aber genau das war ja das Befreiende: in einem Raum zu sitzen und einfach rumzukaspern. Wir hatten das so lange nicht mehr gemacht ... Wir hatten ja nur immer \"Felt Mountain\" wiederholt und wiederholt. Ich weiß noch, wie high ich war, als wir \"Twist\" aufgenommen haben. Ich war schon regelrecht ekstatisch. Wir haben nur rumgespielt und den Song schnell formen können. Ich dachte damals nur: \"Warum kann es nicht viel öfter so sein? Das hier haben wir seit einer Ewigkeit nicht mehr gemacht.\" Wir hatten die einfachen Dinge vergessen.



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