Tomte
»Hinter all diesen Fenstern«
[Grand Hotel Van Cleef / Indigo / VÖ: 28.04.2003 ]
Text:
Thomas Venker,
Thomas Venker
[98 Kommentare]
Wenn das Erste, was man über eine Platte schreiben will, etwas Negatives ist, dann bleibt einem gar nichts anderes übrig, als schnell etwas anderes nach vorne zu schieben. Vorausgesetzt natürlich, man will eigentlich den Leuten klar machen, dass diese Platte schlichtweg existenziell für ihr Leben und das Leben ihrer Liebsten ist. Und deswegen sage ich es gleich mal zu Beginn dieser Besprechung: Tomte ist mit \"Hinter All Diesen Fenstern\", dem Album, auf das wir viel zu lange warten mussten, eine Offenbarung gelungen. Nie klang Arbeiter-Prosa umwerfender, nie wurde eine so tiefe Sehnsucht nach Liebe und Nähe angenehmer formuliert als mit der Uhlmann'schen Bierromantik.
Eigentlich wär also alles super. Eigentlich. Aber, und ich hoffe, ich werde dafür nicht wieder wie jüngst in einer Kölner Neo-Hipness-Location vom Sänger dieser Band mit dem Messer gejagt, der Albumtitel (und das Artwork), der geht leider so gar nicht. Und zwar, da Thees Uhlmann, Großmaul, Entertainerarsch und Textergott bei Tomte, uns erzählen will, dass hinter all diesen Fenstern da draußen Menschen leben, die es wert sind zu bleiben.
Da kann man doch nicht anders, als zu schreien und daran zu erinnern, dass wir gerade gegen diese Masse von Leuten hinter den Fenstern einst angetreten sind, dass doch gerade dieses Nicht-Wissen, was man mit den 60 Millionen Hooligans hinter den Fenstern machen soll, außer ihnen zu zeigen, wo es langgeht, indem man das eigene (Aus-) Leben gegen ihre Existenz stellte, schon immer der Kern unserer linken Existenz war - was nicht heißt, dass wir uns des Dilemmas, eher als kritisierendes Moment in Erscheinung zu treten, nicht bewusst waren und sind, uns das Konstruktive, der fehlende Gegenentwurf für das bessere Leben mit ihnen nicht genauso fehlte wie ein Grund, warum wir überhaupt für (und mit?) all diese(n) Menschen hinter den Fenstern eine bessere Welt kreieren wollen - und ob wir es überhaupt wollen. Ja, Hass war unser größter Motor, als wir uns damals in der so called Subkultur eingenistet haben, damals, als wir jung und wild waren. Und jetzt soll das passé sein, sollen wir plötzlich das Gute in der Masse sehen und fühlen?
Tja, und wie ich das so schreibe, dieses Pamphlet an den Hass alter Tage, werde ich doch neidisch auf Thees Uhlmann, neidisch darauf, dass er so sentimental und zuversichtlich davon singen kann, dass \"hinter all diesen Fenstern Menschen sitzen\" und dass sie \"es wert sind, dass man bleibt\". Und dass es nicht bei der Beiläufigkeit so vieler sozialer Kontakte bleibt, sondern mit dem ganzen aufgewühlten Gefühl von \"hier will ich hin\" passiert. Denn würde er sonst singen: \"Du bist den ganzen Weg gerannt\"? Ganz sicher nicht. Hier spürt einer, wie schön es ist (noch ganz erschöpft vom Rennen), den Kopf in den Schoß des anderen zu legen und Ruhe zu finden, zum Atmen und Nachdenken.
Ich bin neidisch, da ich die Bilder im Fernsehen, die, während ich die Platte zum fünften Mal in dieser Nacht auf Rotation setze, in meinem privaten \"jump and dance to the music of your friends\"-Club laufen und die mir das nächtliche Bagdad zeigen, mit mehr Optimismus sehen könnte. Wenn ich fühlen würde, was Uhlmann fühlt, dann wüsste ich, dass ich nicht allein bin mit meinem Hass auf die Amerikaner, die einem lächerlich abgerüsteten, wehrlosen Volk so unnötig die eigene Stärke demonstrieren müssen, dass ich meinen Hass mit all den Menschen hinter den Scheiben teilen kann, da auch sie fühlen, was ich fühle: Ekel. Aber ich sehe das nicht. Und ich fühle das nicht. Ich fühle (fast) nur Angela Merkels da draußen. Ist das nicht traurig? Und dann denke ich an diese eine Zeile, die mir ein Mädchen einst im Morgengrauen zugeflüstert hat, nachdem ich in Richtung eines Joggers fluchte, wie man nur so doof sein könne, um diese Zeit zu joggen. Sie flüsterte: \"Und wie kann man nur so doof sein, sich darüber aufzuregen, dass jemand so früh joggt?\" Und sie hatte Recht. Scheiße. Sie hatte Recht. Und die Moral: Vielleicht muss man seinen Hass wirklich mehr kanalisieren, damit man ihn im richtigen Moment fließen lassen kann: Zum Beispiel jetzt, wo die Uhr 3.30 zeigt, die Zeit des Standbildes auf der Überwachungskamera vorbei ist und die ersten Bomben auf Bagdad fallen, der Zeitpunkt gekommen ist, an dem wir wissen, was das für die Unschuldigen hinter all diesen Fenstern im Irak bedeutet: Angst und Tod.
Nein, es ist nicht zu viel, was hier an Worten hineinfließt in Tomtes Welt. Thees Uhlmann mag zwar als Type so was von hemdsärmelig rüberkommen, mag nach Patrick Wagner der zweitbeste Selbstpromoter einer Band sein - allerdings, das muss gesagt werden, ein liebevollerer, so selbstverloren hilflos wirkender, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu umarmen -, mag irgendwie immer so wirken, als scheitere er gerade, doch gerade aus diesen ganzen Mags wird am Ende ein Songwriter, der einen atemlos textet. Bilder, so schroff und ungewohnt wie sensibel und ergreifend. Beispiele gefällig? Here we go:
\"Das war eine Mischung aus Angst und Bier, die dich trieb, weiterzugehen. An Plätze, die Menschen in deinem Alter vermeiden, um dort nicht gleich zu verglühen.\" (aus \"Für Immer Die Menschen\")
\"Und das ist nicht die Sonne, die untergeht, sondern die Erde, die sich dreht.\" (aus \"Die Schönheit Der Chance\")
\"Schreit den Namen meiner Mutter, die mich hielt. Schreit den Namen meines Vaters, der mich machte zu einem glühenden Verehrer der Sachen des Lichts.\" (aus \"Schreit Den Namen Meiner Mutter\")
\"Seit fünf Jahren halte ich mein Herz in kochendes Wasser, doch es scheint nichts zu nützen, denn so abgebrüht bin ich noch lange nicht.\" (aus \"Insecuritate\")
Tomte sind die deutschen Oasis. Könnte man schreiben. Und liest man auch gerne mal. Aber das liegt ja auch so was von auf der Hand, denn Thees Uhlmann ist nicht nur irgendein Oasis-Fan, er ist ein Oasis Ultra der ersten Stunde. Und als solcher schreit er ihre Bedeutung jedem ins Gesicht, der es ohne diesen Orkan nicht kapieren will. Aber: Alles egal. Denn am Ende von \"Hinter All Diesen Fenstern\" - das durchaus das ein oder andere Mal den Atem von Oasis aushaucht (und noch viel öfter in seinem Pathos-Midtempo-Rock an die grandiosen The Smiths erinnert), am deutlichsten auf der ersten Singleauskopplung \"Schrei Den Namen Meiner Mutter\" - ist eine pure, reine Seele am Horizont zu sehen, die die Gallagher-Brüder niemals sehen würden (und die Morrissey nie so selbstverloren, unegozentrisch transportieren konnte), geschweige denn durch ihre Kunst zu vermitteln in der Lage wären.
\"Hinter All Diesen Fenstern\" ist ein Album über das Leben. Und den Tod. Über den Moment, wenn der Tag geht, wenn die Liebe auf eine unklare Restzeit terminiert wird, wenn die Menschen am Ende eines Lebens an einem Grab stehen. Und entgegen all dieser Gegenwärtigkeit des Endes zeigt bei Tomte die Faust gen Himmel, reckt sich der Körper immer wieder seinem Schicksal der Vergänglichkeit entgegen und gibt uns den Mut zum Leben ohne doppelte Bindung namens Altersvorsorge.
Alles wagen. Alles leben. Davon kann diese Band ihre Geschichten erzählen. Was haben sie sich nicht alles anhören müssen. In den frühen Tagen von irgendwelchen süddeutschen Fanzine-Typen Vergleiche mit den Ärzten und Dinosaur Jr. (Und keineswegs, wie im Booklet geschrieben, mit ... But Alive - woher ich das weiß? Leiten Sie es sich selbst ab!) Viel später dann von der Plattenindustrie, dass der Markt nicht bereit sei und der Vorschuss geringer ausfallen müsse, ja, gar nicht kommen werde, denn es sei ja Krise angesagt. Und was machen die Höllenhunde? Sie holen sich alle Schreiber dieser Welt mal eben affirmativ-freundschaftlich ins Band-Bett, und sie stemmen mal eben ihr eigenes Label: Grand Hotel Van Cleef. Und sie legen über ihren End-Twenty-Angst-Rock Zeilen wie diese: \"Sag ihr, dass ich sie liebe für die Zeit, die mir bleibt\", \"Du wirst sehen, du wirst stehen, in der Sonne\" und \"Ich weiß, dass du geknechtet wirst heute Nacht.\" Hier fühlt einer für andere. Und das bis zum bitteren Ende. In \"Von Gott Verbrüht\" klingt das dann so: \"Du weißt, ich würde sterben für dich, um dir ein gutes Leben zu garantieren.\"
Und das Schöne an dieser Zeile ist: Man glaubt es ihm, auch wenn man weiß, dass es, obwohl wir alle diese Romantik in uns tragen, immer diesen Gedanken gibt und wir dennoch oft anders handeln - da wir denken, es wäre ja ewig Zeit. Aber das ist es nicht. Denn wir sind sterblich. Ja, wir sind sterblich. Sterblich. Oh ja, wir sind sterblich. Und nachdem ich hundertmal \"Scheiße\" geschrieen habe, jetzt, hier, in dieser Nacht, da ich noch so viel Liebe geben will, da öffne ich die Arme, um zu umarmen, alle, und irgendwie in dieser Nacht nur mich, sehe Bilder von Menschen, die ich schon viel zu lang nicht umarmt habe, denke an die nichtigen Gründe für all das. Und bin mir bewusst (und damit wieder in der Welt des Realismus angekommen), dass ich mal wieder mit dem Fragment einer Review bereits alle Vorgaben getoppt habe - und das sogar in der Reviewausgabe unserer kleinen Kulturzeitschrift. [Ich hatte nichts anderes erwartet. Gerade in der Reviewausgabe - die Lektorin] Ach, wo soll das noch enden? Aber eins sei noch gesagt: Diese Monsterbesprechungen, die passieren nur bei den ganz großen Platten. Scheiße, Jungs (ich meine die Band, bevor mir das als ihr-wisst-schon ausgelegt wird), ich glaube, man kann gar nicht lang genug leben für diese Platte. Danke.
Ach so, dieses eine Mädchen habe ich seit dem Morgen mit dem Jogger nicht mehr gesehen. Und das ist eine Schande. Aber auch dafür hat die Uhlmann'sche Bierromantik die Erklärung parat: \"Da ist zu viel Angst in deiner Welt.\"
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der doofi 04.05.2003 | 22:21:39
was muss man für so einen text studieren?
loppomate 04.05.2003 | 23:47:15
Never ever land
da gibts schon nen thread zu, du doofi!
der doofi 05.05.2003 | 16:46:55
Stitch 05.05.2003 | 17:06:22
neoliberaler Verschwo:rer
...auf jeden fall nicht germanistik, sonst hätte der autor nicht "prosa" mit "lyrik" verwechselt...
shouter 09.05.2003 | 17:57:13
loppomate 10.05.2003 | 01:50:28
Never ever land
schunkel 10.05.2003 | 02:39:07
Erkläre mir bitte mal einer in 4-5 Sätzen, was an Tomte so toll ist, und viele so davon schwärmen. Bitte kein Ist-eben-Geschmackssache-Blabla, sondern das persönliche statement. Die Single aus dem TV und das Lied vom SPEX-Sampler machen mir den Kult nicht begreiflich...
JohnGalt 10.05.2003 | 09:55:18
yup. schunkel spricht wahres. die spexbesprechung paßt irgendwie nicht zu dem sehr schwachen/langweiligen samplersong. die single ("schrei den namen..."?) kenn ich nicht.
el_FRIEDE 10.05.2003 | 10:45:47
was gibts da bitte großartig zu erklären ? wenn es euch nicht gefällt ist doch in ordnung ! mir gefiel die alte platte allerdings wesentlich besser. die neue ist mir einfach zu glatt womit ich nicht langweilig meine. -für immer die menschen- und -von gott verbrüht- sind aber einfach schöne songs.
JohnGalt 10.05.2003 | 15:06:01
...überhaupt...."VON GOTT VERBRÜHT"???
Fincher 10.05.2003 | 15:08:50
North Rhine-Westphalian Scum
Ist das eigentlich noch als Gesang zu bezeichnen, was Thees da beim sechsten Song vorführt?
turntable 10.05.2003 | 15:10:34
Die früheren Sachen von Tomte waren mir zu schraddelhamburgisch. Aber mit Tomte hinter all diesen Fenstern kann ich ganz viel anfangen. wie die taz schrieb: mitreissend wie die frühen Oasis. Das bringts auf den Punkt.
Und Texte müssen nicht sofort einleuchtend sein wie Dialoge aus dem Lustigen Taschenbuch. Im Gegenteil: Hoffentlich wird sich der Vorhang, hinter dem die Bedeutung schemenhaft zu erkennen ist, nie ganz heben. Es wäre doch schade. Weg von dieser Oberstufenkursdeutsch Interpretationswut die gemähten Rasen hinterlässt wo vorher Blumen wuchsen.
loppomate 10.05.2003 | 19:24:19
Never ever land
kann man das, muß das wirklichh diskutieren? entweder man mags oder nicht. von gott verbrüht, klar. von den menschen berührt und/ oder umgekehrt.entweder es sagt einem was und kickt oder nicht. was solls?
Timo Chan 10.05.2003 | 19:45:49
die taz ist natürlich eine adresse in sachen popkultur...
pocke 10.05.2003 | 19:53:58
ich finde es witzig wenn junge leute auch
wieder schlagermusik hören.
Trilian 10.05.2003 | 19:55:15
in der taz stand vorallem vor ner woche schonmal ein artikel zu "hinter all diesen fenstern" mit gleichem foto, obwohl das war die taz hamburg hm.. naja egal, da war das album aber aufjedenfall auch schon mindestens ne woche draussen
schunkel 10.05.2003 | 21:07:38
aha. jetzt weiss ich mehr. Also doch wieder nur Geschmackssache-Blabla. Sag mir doch bitte mal einer, bei welcher Zeile/Stelle/Akkordwechsel-Break-Folge-Melodie ihm die vielzitierten Tomte-Tränen aus den Äuglein schiessen. Ich will zumindest verstehen, was man an Tomte gut finden _kann_. Im Moment fehlt mir die Phantasie, um in der musik das bestimmte Irgendwas zu finde, das alle so verzückt...
Im SPEX-Forum gibt´s BTW ne sehr gute Diskussion zum album.
patte 10.05.2003 | 21:14:10
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der sänger hat mal in der roten flora ne tombola moderiert. er versuchte witzich zu sein. er peinlichst.
patte 10.05.2003 | 21:24:47
#*#*#*#*#*#*#*#*#*#*#*#*#*#*#
er war peinlichst.
loppomate 10.05.2003 | 23:59:52
Never ever land
jo, jo, aber bustapanso hören, ne:)
loppomate 11.05.2003 | 11:23:56
Never ever land
@schinkel:wo denn? hab die nicht gefunden. nur eine, wos auch um die band mutter geht. meinste die? naja...
Call Me Appetite 11.05.2003 | 12:04:31
Hobbyprofi
@ schunkel: ich habe versucht, es mir zu erklären, was die welt an dieser platte und dieser band berührendes zu finden versucht. heraus gekommen sind halbgare erklärungsversuche, die zu ungefähr diesen annahmen führen:
*tomte als quasi erreichbare band, die sich in deinen fußgängerzonen und eckkneipen herumtreibt, erfüllt den wunsch von der normalität - oberflächlich das "ehrliche" gegenteil vom superstar.
*die musik ist leicht konsumierbar. alles schon gehört, schon dran gewöhnt, keine störenden überraschungen. alles easy.
* texte, die sich anhören als schlummere hinter ihnen ein tiefer sinn. allgemeinplätze mit großer geste vorgetragen. der effekt: "hallo, das bin ja ich." b. v. s.-b. ohne gehässigkeit.
* der bandleader aufgefüllt mit neuem image des freundlichen gutmenschen. professionelle herzlichkeit gegenüber den fans. herzliche professionalität gegenüber der presse.gute promo-arbeit. hut ab!
*eine armada freundschaftlich zugetaner/verliebter/der peer-group verpfichteter schreiber, die den mythos erschaffen und oben halten.
PaulWeller 11.05.2003 | 13:23:52
Eine der wenigen deutschen Bands, welche von Pladde zu Pladde besser wird. Basta!*g*
Tomalak 11.05.2003 | 13:27:41
runner vonn de Gass
ich glaube das können nur total sensible Menschen hören.
Die sich total viel Gedanken über das Leben machen.
Udn sich versuchen selbst zu finden, so in Töpferkursen oder Batikworkshops.
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