Mika Vainio
»Sokeiden Maassa Yksisilmälinen On Kunigas (In The Land Of The Blind One-Eyed Is King)«
Text:
Martin Büsser,
Martin Büsser
Das britische Touch-Label hat in Sachen Elektro-Minimalismus Pionierarbeit geleistet, noch bevor Clicks'n'Cuts zum feststehenden Begriff wurde. Auffallend ist fast immer die Stimmigkeit von Inhalt und Form. Labelbetreiber Jon Wozencroft designt die CDs von Künstlern wie Vainio, Biosphere oder Fennesz meist selbst. Optisch ist Vainios dritte Veröffentlichung für Touch ganz in Dämmerlicht getaucht: vorne ein Foto von städtischem Straßenverkehr, innen ein Landschaftsmotiv und ein Bild von wartenden Fluggästen. Das tiefe Blau vermittelt Ruhe. Ganz gleich, ob Wozencroft eine Blattstruktur in Nahaufnahme zeigt, architektonische oder technologische Motive - immer wieder korrespondieren die Bilder mit der Musik, beide verbindet ein beruhigender Glaube an Ordnung und Struktur.
Mika Vainio aus Finnland, die eine Hälfte von Pan Sonic, lässt es erwartungsgemäß summen. Noch reduzierter, noch abstrakter als bei Pan-Sonic-Arbeiten, strahlen die Maschinen eine Wärme aus, die dafür sorgt, dass seine Musik immer wieder mit Bildern aus der Natur verglichen wird. Man könne \"das Gras beim Wachsen beobachten\", hatte der Wire geschrieben. Es ist schon ein Paradox, dass diese absolut strenge, lakonische, oft nur noch auf ein paar Brummgeräusche reduzierte Musik Gefühle hervorruft, die keineswegs Schalterhallen, Stromgeneratoren und entfremdete Arbeit assoziieren, sondern Weite und ein freies Durchatmen. Vainio gelingen Klangminiaturen, die Hochtechnologisches in eine Art Ambient-Folk transformieren. Nur während der ersten beiden Minuten liefert die CD ein Noise-Brett, das härteste Referenzen an Kollegen wie Merzbow erwarten lässt, dann schon entknotet sich das Chaos, gibt wieder klare Strukturen zu erkennen. Mit dieser Musik geht es ein wenig so wie mit der Minimal Art: Auf einfachste Formen reduziert, bekommt hier gerade das Nüchterne und Abstrakte, nämlich das, was von Expressivität am weitesten entfernt ist, einen fast schon meditativen Einschlag. Die akkuraten Klangabfolgen bilden einen Strom, der das Zeitgefühl außer Kraft setzt. Die gefühlte Zeit beim Hören ist da um ein Drei- bis Vierfaches länger als die reale Dauer, nicht aber aufgrund von Langeweile, sondern aufgrund einer sehr cleanen, also ganz und gar unbekifften Trance.
\"No electronic sounds used on these recordings\", heißt es dagegen auf Ryoji Ikedas neuester CD, was verwundern mag, denn Ikeda ist eigentlich ähnlich wie Vainio für eine Musik zwischen Minimal-Elektronik und Klangkunst - durchaus im Museums-Kontext - bekannt. \"Op\" dagegen bietet reine Ensemble-Musik, zum Teil von einem klassischen Streichtrio eingespielt, zum Teil von Musikern der belgischen Prog-Band Art Zoyd. Der außergewöhnliche Analog-Ausflug des Labels wird auch optisch hervorgehoben: Das schlichte, ganz und gar in Weiß gehaltene Cover spielt nicht mehr mit visuellen Assoziationen, vielleicht, um anzudeuten, dass bei \"Op\" nicht strukturelle Abfolgen im Mittelpunkt stehen, sondern geradezu das Gefühl von Statik erzeugt wird. Die hauchdünnen Streichertöne scheinen regelrecht, permanent dünn ziselierend, in der Luft zu stehen. Auch hier entsteht der Eindruck von Präsenz und Trance bei größtmöglicher Zurückhaltung. Als Vorbild ist sehr schnell Morton Feldman ausgemacht, der leiseste und langsamste unter den Komponisten des vorigen Jahrhunderts, einer, der Rockmusik als \"faschistisch\" bezeichnet hatte, weil sie sich nicht von Rhythmus und Lautstärke lösen könne. Und doch besaß auch Feldmans Musik etwas, wonach die Rockmusik stets suchte: psychedelische Wirkung. Nun kann man Ikeda allerdings nicht vorwerfen, er habe die soundorientierte neue Musik einfach nur adaptiert, denn im Gegensatz zu Feldman arbeitet \"Op\" fast ausschließlich mit der Abfolge von anschwellenden Klangflächen, die es schwer machen, eine Kompositionsabfolge erkennen zu lassen. Auch hier sorgt Strenge für den gegenteiligen Effekt, nämlich für Beruhigung.
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