BEWERTEN
 

Van Oehlen

»Rock and Roll Is Here To Die«

[Blue Chopsticks / Import / VÖ: 14.10.2004 ]

Text: Julian Weber, Julian Weber

Auf die Frage, was er zu Hause für Musik höre, entgegnete der amerikanische Gitarrist und Sänger Mayo Thompson einmal, „am liebsten gar keine“. Musik an die Grenzen ihrer Existenz zu führen, diese Haltung transportiert auch Thompsons Band The Red Krayola seit mehr als drei Jahrzehnten: Auf den Red-Krayola-Alben kommen interessante Aspekte aus Kunst, Theorie und Praxis in den Diskursmixer, wobei die Verpackung des Endergebnisses Pop ist, während der Inhalt als „im weitesten Sinne Rock“ durchgeht. Beteiligt an den „Freeform-Freakouts“ (so ein früher Red-Krayola-Titel) ist auch der deutsche Maler Albert Oehlen. Gab Oehlen auf den Red-Krayola-Alben und Tourneen immer wieder kleine Gastspiele, fällt Thompson nun umgedreht diese Rolle auf dem neuen Album von Van Oehlen zu.

Auch das ist ein Dokument absichtsloser Antimusik. „Rock and Roll is here to die / Gone tomorrow“, schnauft Thompson, er klingt dabei zerknirscht, und ein wabernder Klangbrei von in die Ewigkeit ausufernden Keyboard-Schlaufen lässt den Gesang noch mehr zerdehnt erscheinen. Van-Oehlen-Sound lässt heute vergessene Pfade einer neu gewellten Lärmerei wieder frei. Einfachstes Instrumentarium, kaum Groove, keine durchgehaltenen Melodien. White Noise ohne die rassistischen Konnotationen. Rock and Roll stirbt in diesem pixelflimmernden Oldschool-Artschool-Synthie-Martyrium spielend tausend Tode. Van Oehlen ist eigentlich ein Projekt der beiden malenden Brüder Albert und Markus Oehlen. Wobei Albert Eddie Van Halens Leadgitarren-Position an den Keyboards eingenommen hat, während Markus Oehlen den Part von Drummer Alex Van Halen an der Rhythmusbox übernimmt. Markus spielte auch bei den legendären Mittagspause am Schlagzeug (siehe auch „Verschwende Deine Jugend“). Schon damals hatte er ein stilbildendes „Hummtatata“-Drum-Spiel kreiert. Van Oehlen bezeichnen ihre Musik in konsequenter Fortführung dessen als New Stream. Ein kurioses Manifest auf der Homepage von Albert Oehlens eigenem Label Leiterwagen Records verrät: „New Stream ist freies Spiel, interessenlose Improvisation und kalter Jazz. Die Texte sind der Schwanengesang des Sinnlosen.“ Es ist durchaus sinnvoll, sich durch das Leiterwagen-Oeuvre hindurchzuhören. Auf dem Label sind inzwischen an die 20 CDs erschienen. Alles schwer vermittelbare Musiken, die garantiert nicht durch die Hipness-Portale bis in die Supermarkt-Zeitungen durchgewunken werden können. Es fängt schon mit den flashigen Illustrationen, Computermalereien und Collagen an, die die Cover zieren. Die Gestaltungswut ist permanent überdurchschnittlich. Ständig im Leiterwagen-Universum auftauchende Künstler sind die Titankatzen, JB Slik, Don Hobby und Wendy Gondeln. Wie bei jeder anständigen Verschwörung stecken die immer gleichen Folks plus einige „zufällig“ anwesende Kollegen dahinter: Die Gebrüder Oehlen (Wendy Gondeln [Albert], Don Hobby [Markus], beide zusammen als Van Oehlen), Schorsch Kamerun (Titankatzen), Mayo Thompson (JB Slik). Die Compilationreihe „Rearcar-Rearprojection“ versammelt sowohl ihre Songs als auch ihre Remixe (von DJ Kotze bis ARJ Snoek) und Songs von befreundeten Künstlern wie Mike Kelley und Musikern wie Workshop, David Grubbs oder Violent Onsen Geisha. Die Songtitel pendeln zwischen bedeutungsvollen Begrifflichkeiten („Revolution“) und hirnrissig sloganhaften Wortspielen („Wah Oehla Pack“), die man in trauter Runde bei Rotwein auf dem Zweitwohnsitz im Süden ausheckt. Die Musikauswahl auf Leiterwagen Records ist zielsicher. Neben äußerst fanatischem Kaputt-Gegeige musikalischer Formensprachen und lässigen Geräusch-Improvisationen, die Aspekte der Freemusic fast lächelnd in Pop überführen, verirrt sich dann doch immer das kleine Quäntchen Melodie. Hier ein Soundtrack, der direkt aus den Hammerstudios geschmuggelt sein könnte, da eine kaltjazzige Etüde mit einem stehenden Ton. Nachahmenswert ist auch die Bereitschaft zur Kooperation. Leute aus unterschiedlichen Backgrounds zwischen Kunst und Musik befruchten sich gegenseitig. So entstehen echte Hits wie der ARJ-Snoek-Remix von JB Sliks „The Light (Bonjour Madame)“, der von dem Ausspracheproblem einer Französin handelt: Sie scheitert an dem deutschen Wort Licht. ARJ Snoek versieht den unsinnigen Dialog mit dramaturgischem Sinn. Oehlen & Company pflegen ihre persönlichen Noise-Grillen kompromisslos, verlieren dabei aber nie das Format CD aus den Augen. Man nehme eine Diskette und schmeiße ein paar Lieder drauf. In dieser halb ernsten Wurschtigkeit kann dann doch zwischen allen Stühlen und Stilen die eine oder andere Aussage zu finden sein. Heute reklamiert jeder Fahrradbote den Artschool-Einfluss für sich, und auf den Kunsthochschulen sind pro Klasse drei, vier geschmackssichere Minimalhouse-DJs zu finden. Leiterwagen Records kann es sich qua Abgehangenheit natürlich leisten, aus den Rastern dieser formalisierten Hipness auszubrechen. Gerade in diesem vergnügten Herumgondeln zwischen Kunstbuchhandlung und Gästezimmer liegt sein Reiz. Der Name Oehlen tauchte übrigens 1983 auf einem der schwierigsten Alben in der Geschichte von Alfred Hilsbergs Zickzack-Label auf: „Kirche der Ununterschiedlichkeit“. Bands wie Nachdenkliche Wehrpflichtige, LSDAP/AO und die Vielleichtors knipsten damit der NDW das Neon-Licht aus. Die schönste Stelle ist eine circa anderthalbminütige „Meditation“ der Stille. Vielleicht hat sich Mayo Thompson dieses Stück öfter zu Hause angehört.



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