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»Chocolate Factory«
[Jive / Zomba / VÖ: 30.06.2003 ]
Text:
Jelenia Gora,
Jelenia Gora
Es gab Grabenkämpfe in der Redaktion, wurde mir berichtet, Grabenkämpfe, ob man das machen könne, das neue R.-Kelly-Album zu besprechen. Die Hardliner-Fraktion forderte (in einem Moment des Verlustes sämtlicher Genfer Konventionen), dass die neuen Songs des Crooners Kelly totgeschwiegen werden müssten und ihm stattdessen sein primäres Geschlechtsorgan in den Mund gesteckt werden solle. Der Rest der Redaktion zitierte Jay-Z und entgegnete, dass man unschuldig sei, bevor die Schuld bewiesen wird oder man aus Versehen zu früh auf dem elektrischen Stuhl das Zeitliche segnet , und gab bei mir die Besprechung in Auftrag. Und so lausche ich hier in meiner US-Studentenbude in Schussnähe zum Weißen Haus dem neuen R.-Kelly-Album, das mir von der Redaktion netterweise nach dem regulären Release zugeschickt wurde es erschien bereits am 17.
Februar, zumindest hier in den United States of George-Bush-Gnaden. Ob es in Deutschland wohl mittlerweile so hart mit der Vorab-Promo ist, dass CDs gar nicht mehr bemustert werden? Anyway, es hilft zumindest, sich nicht mehr so schwindelig zu drehen im Abarbeiten der Popkultur, mal relaxt den Blick auf eine CD zu lenken, die alle bereits gehört haben, auch die Fans was ja für die Review mit sich bringt, dass man nicht mehr als Kaufhilfe dienlich sein muss. Obwohl das, was jetzt kommt, wohl schon als Kaufempfehlung durchgeht. Denn
R. Kelly hat den Dreh geschafft und man muss nicht allzu viel hineinlesen, um zu orakeln, dass die ganze Prozessnummer da ihren Teil beigetragen hat. Regierte auf dem Vorgänger „TP-2.COM“ (und auch beim Gemeinschaftswerk mit Jay-Z, „Best Of Both Worlds“) noch der Größenwahn à la „Ich bin Gott ja so nahe und performe im Pyjama-Lookalike auf dem höchsten Berg der Welt“ oder „Ich und meine Gang sind die geilsten Hustler und vernaschen pro Nacht mindestens, wenn nicht noch mehr“, so macht er heuer wieder einen auf Smooth Operator. Das wird sofort deutlich: „Baby there is nobody like you“, heißt es in der ersten Textzeile, und es folgt ein männlich definierter Erguss an Schwülstigkeiten, wie ihn kein Mädchen hören will, das ich kenne. Oder wollt ihr, dass euch jemand als seine „Chocolate Factory“ bezeichnet? Aber auch wenn sich bei mir eine Gänsehaut einstellt bei all den hier performten Liebesschwüren und ich durchaus die Strategie hinter dem Switch spüre, so ist es mir am Ende des Tages doch lieber als das Bitch’n’Nigger-Gequatsche. Merke: Diese Musik und diese Texte werden von vielen gehört, die nicht unbedingt das Reflexionsniveau von Adorno haben und die demnach einfach mal wahrnehmen und nachleben und da sind Liebeshuldigungen am laufenden Band einfach angenehmer als dirty Gangster-Lover-Fantasien. Zumal sie ja auch so viel besser zum neuen Sound von Kelly passen. Deutlich souliger ist das Album geworden, die R’n’B-Bounces sind smoother, schmiegen sich mehr an die Stimme an. Und in Abgrenzung zu den teilweise schlimmen Balladen des Vorgängers bekommt er diesmal die Kurve, gleiten diese musikalisch nicht ab in die schlimme Taschentuch-heul-Liga. Schmachten mit Anspruch. Bei 17 Stücken kann man ja leider nicht auf alle eingehen. Deshalb nur noch so viel: Mein Lieblingsstück ist „Step In The Name Of Love“, im Original (von dem Stück gibt es auf dem Album – wie von der ersten Single „Ignition“ – noch einen Remix), da Kelly sich hier an einer Souldefinition abarbeitet, wie wir sie aus Philadelphia kennen und lieben. Konkret erinnert mich der Song an die besten Momente von King Britt. Da will man nur noch tanzen und das Morgen vergessen. Als Bonus liegt übrigens noch eine zweite CD bei mit den fünf Tracks des vor einem Jahr geplanten „Loveland“-Albums, die damals ja plötzlich im Netz aufgetaucht sind. U. a. „The World’s Greatest“ ... Und jetzt übergebe ich ihn an die Justiz. Möge sie das richtige Urteil fällen. Wenn er sich denn an Minderjährigen vergriffen hat, plädiere ich übrigens für die Forderungen der Redaktions-Fraktion, die mich nicht beauftragt hat: Schwanz ab.
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