Wann kommt der Nachtzug?
»...mit Klaus Fiehe«
Text:
Klaus Fiehe,
Klaus Fiehe
Guten Tag! Der Kölner Mediapark ist kein Park im klassischen Sinne. Anpflanzungen etwa des erst Ende des 16. Jahrhunderts aus den Berg- und Schluchtwäldern des Balkan eingeführten Aesculus Hippocastanum wird der Betrachter ebensowenig entdecken wie Buschwerk und morastige Pfade. Statt dessen säumen gläserne Bürokolosse drei der insgesamt vier Flanken des steinernen Platzes, in dessen Mitte ein mit Wasser gefülltes Betonbecken einen trefflichen Teich gibt, und an dessen einer Längsseite eine Durchgangsstraße verläuft, die stadteinwärts unmittelbar vor dem Kinopalast hart nach rechts abknickt. In Höhe dieser Kurve befindet sich die altdeutsche Gaststätte "Lena", so benannt nach der gleichnamigen jugoslawischen Wirtin, Treffpunkt für Taxifahrer, Nachtschwärmer, Existentialisten, Radioleute.
Hinter DFA stecken der ehemalige U.N.K.L.E.-Mitbegründer Tim Goldsworthy und James Murphy, beide haben zuletzt das Radio-4-Album "Gotham!" produziert. Murphy ist der Mann hinter dem LCD Soundsystem, dessen überlange Single "Losing My Edge" auch hier die Türen in Sachen No Wave/Disco-Punk voll aufschlagen kann. Der Vocal-Track tuckert als roher, monotoner Electrogroove mit dissonanten Störgeräuschen dahin, Murphy selbst berichtet in einem extrem cool gehaltenen Rap-Storytelling-Mix von der ersten Can-Show in Cologne und Ratschlägen an Captain Beefheart, er verhöhnt Rockbands, die sich Turntables und DJs auf die Bühne stellen und wendet sich an die Kids in France. Auch die nervös zuckende Nachfolge-Single "Give It Up" ist Raw Power, eine Art Motown-Soul-Wave. Murphy und Goldsworthy haben sich gerade die New Yorker Band The Rapture gekrallt, deren "House Of Jealous Lovers" kommt aggressiv und heiß, die schneidenden Gitarren strotzen vor Referenzen an Wire und Gang Of Four. Es lohnt sich, diesem Single-Zeug hinterher zu jagen, die europäische Lizenz liegt bei Trevor Jacksons Playgroup-Label.
Der Schweizer Domenico Ferrari betreibt einen Clash der eleganteren Art: Seine smoothen NuJazz-Tracks flirten mit straighten HipHop-Beats und Einflüssen aus Elektro. Live-Instrumente, Spoken-Word-Poetry von Latasha Diggs, keine falsche Angst vor schlicht schön klingenden Strings: "Commute" (Straight Ahead Rec.) baut hier und da die Brücke zur Philly-Poetin Ursula Rucker und ihrem "Supa Sista"-Album.
Die Soulwax-Brüder David und Stephen Dewaele haben ihren Stilclash als Too Many DJs im abgelaufenen Monat wöchentlich auf 1Live präsentiert. Respekt, ohne Wenn und Aber! Aber: Dass sie innerhalb ihres Sets Velvet Undergrounds "Waiting For The Man" zum 40-Sekunden-Gag degradieren, ist ein Zeichen mangelnden Anstands auch und gerade geschichtsträchtigen Songs gegenüber. Sorry, da bin ich Purist. In diesem Zusammenhang, also im Velvet-Style: The Oranges Band und ihre 7-Track-EP "On TV" (Lookout Records / Cargo).
Ansonsten Statements, Fragen; wie etwa lässt Prince sich adjektivisch beugen? Commons "Electric Circus" kam recht prince-oid, dabei wird's nicht bleiben. HipHop-12inch des Monats: Sixtoo aus Montreal mit "Outremont Mainline Runs Across The Sunset" (Vertical Form / Hausmusik / Kompakt). Stimmlich ähnlich verzehrend wie Lateef The Truth Speaker, musikalisch zwischen Vadim, RJD2, Shadow - groß! Alles Gute!
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