BEWERTEN
 

Stau

»Der Gute Rat«

[Fidel Bastro /Efa / VÖ: 06.04.2004 ]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Niemand steht gerne im Stau. Während draußen nichts mehr geht, beginnt man innerlich zu kochen. Genau diesen Zustand fangen Stau aus Hamburg ein, immer kurz vorm Explodieren, aber mit gezogener Handbremse. Deutsche Texte zu Heavy-Rock? Egal, sie sind sowieso fast nie zu verstehen. Dafür gibt es sehr viel Schweiß zu riechen, teilweise ziemlich alten, abgestandenen Schweiß, der da klebt, als wäre er seit den ausgehenden 80ern in einem kleinstädtischen Jugendzentrum konserviert worden. Also auch bei Stau ganz eindeutig ein Zurück in die 80er, aber ganz anders. Früheste Assoziationen, die da aufkommen, gehen bis zu den Swans rund um 1983 zurück, also zu Männern mit nackten Oberkörpern, die sich schmerzverzerrt auf allen Vieren winden, zu New-York-Noise und tief malmenden Bassläufen.

Hinzu kommt der schiefe, fiese Metal-Crossover von alten Amphetamine-Reptile-Acts wie The Cows gepaart mit der stoisch ruhigen Kaputtheit der Melvins. All das wird schön zerstückelt und in handwarmen Brocken hingeworfen – ein lebender Beweis für die Möglichkeit, Heavy-Metal-Pfade mit Würde zu beschreiten. In den schlechteren Momenten kommt einem ein \"Ist nun mal Live-Musik\" über die Lippen, in den besseren knüpfen Stau problemlos an die Urgewalt einer Band wie Mutter an. Ilse Lau klingen dem gegenüber wesentlich verhaltener. Da werden Strukturen nach außen gekehrt, da breiten Breaks bizarre geometrische Muster aus, da bleibt alles konzentriert, genau aufeinander abgestimmt. Sobald diese beinahe selbstredend instrumentale Musik ausschert und für einen kurzen Moment so klingt, als würden die Zügel gleich rockig gelockert, leuchtet sofort die Kontrollampe auf. Bei jeder Umdrehung bleibt also deutlich, dass hier äußerst disziplinierte Musiker am Werk sind, und doch wirkt diese akustische Mathestunde kein bisschen verkrampft, sondern entwickelt über weite Strecken sogar einen richtig lockeren Groove. Klangfarbentechnisch fein pastell, mit Bläsern abgetupft, wird hier dem Vorurteil geradezu entgegengewirkt, dass Jazz-Einflüsse sofort die Assoziation verkopft hervorrufen müssen. Ilse Lau laden sehr wohl zum Tanzen, Wippen und sogar Federn mit dem Becken ein, jedoch nicht rund, sondern eckig. So etwas wie komprimierte Karate (die Band, nicht der Sport) ohne Gesang, also eine durchweg eigenständige Chicago-Adaption.



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