BEWERTEN
 

Diverse

»Replay Debussy«

[Universal Classics]

Text: Martin Büsser, Martin Büsser

Debussy nimmt in der Musikgeschichte eine eigenartige Sonderstellung an der Schwelle zur Moderne ein. Einerseits ist aus seiner Musik noch die ganze Tradition des 19. Jahrhunderts herauszuhören, streng an die Dur-Moll-Tonalität gebunden, andererseits entwickelte Debussy bereits Klangfarben, die mit dem Prinzip der Unschärfe und des Verwischens gespielt haben. Parallel zum Impressionismus als Kunststil schuf er fragile Klangschichtungen, die so flüchtig erscheinen wie das Schillern von Licht auf einer Wasseroberfläche, das Claude Monet mit seinen Bildern festzuhalten versuchte. Anders gesagt: Debussy hatte bereits ein Gespür für das, was in der jüngeren elektronischen Musik etwas ungenau Sound genannt wird.

Die Rede ist von jenem Gefühl amorpher Zerbrechlichkeit, jenem Flüchtigen, über das sich Vergänglichkeit in Klang einschreibt. So zumindest klingt Debussy auf diesen Re-Interpretationen und gesampelten Nachbearbeitungen, etwa bei Terre Thaemlitz, dem Meister der Ambivalenz-Erzeugung, dessen Transgender-Konzept immer auch eine Entsprechung in nicht-determinierter Musik sucht – und hier via Debussy abermals findet. “Replay Debussy” ist ein gewagtes, eigentümliches, aber über weite Strecken gelungenes Projekt: Universal Classics hat das Remix-Prinzip als Mittel einer Klassik-Neuvermittlung entdeckt, nicht anders lässt sich das Verfahren bezeichnen, mit dem hier Künstler aus den Bereichen Elektronik und Neuer Musik gearbeitet haben, darunter neben Thaemlitz auch Jamie Lidell, Ryuichi Sakamoto, Pierre Henry und Porter Ricks. Dabei geht es nicht um eine platte “Debussy-goes-dancefloor”-Politur, also keineswegs um kommerzielle Verwertung, sondern um Nachbearbeitung, die nahe am Material bleibt, die aber Stimmungen pointiert hervorhebt, unter anderem auch die der Entrücktheit, wenn zum Beispiel Vinylrauschen in den Vordergrund gemischt wird und die Streicher darunter fast völlig verschluckt. In den besten Momenten klingt Debussy dabei einerseits ganz weit entfernt – Relikt einer lange verschollenen Epoche –, doch über die Wellen, die uns da wie ein leise kräuselnder Wind erreichen, wird etwas von Flüchtigkeit, ja Skizzenhaftigkeit in seiner Musik spürbar, deren Modernität wiederum erst diese Replay-Versionen ins Bewusstsein rufen.



Artikel kommentieren
aus Intro #102 (Februar 2003)
 
  • Mehr Infos

  •  
Alle Artikel von Martin Büsser, Martin Büsser
  • Diese User besitzen die Platte

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
 
  • WEITERE PLATTEN

  •  
  • » Diverse - Photek DJ-Kicks
  • » Diverse - A Tribute To Japanische ...
  • » Diverse - Sonig Boxset Thing
  • » Diverse - Factory Records: 12
  • » Diverse - »Stimmen Bayerns – Die Liebe«
  • » Diverse - »Stimmen Bayerns – Der Tod«
  • » Diverse - Oh, dieser Sound – Stars...
  • » Diverse - Coming Home By DJ Hell
  • » Diverse - Freude am Tanzen 5zig
  • » Diverse - Werkschau
 
  • ÄHNLICHE PLATTEN

  •  
 
 
Anzeige
 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.