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»Tusk«
[Cooking Vinyl / Indigo / VÖ: 27.01.2003 ]
Text:
Ulrich Kriest,
Ulrich Kriest
Dies ist ein Liebeslied. Die Nachgeborenen denken ja manchmal, so um 1976/77 hätten sowieso alle (alle, die mit uns segeln) auf die erste Single der Damned, der Clash und Costellos gewartet. Was selbstredend Unsinn ist, weil die Bewusstseinsindustrie in den 70ern noch nicht über die heutigen Möglichkeiten der Gleichschaltung verfügte. Mindestens so wichtig wie das Warten auf Punkrock war demnach das Abarbeiten der Dinge, die über den Atlantik kamen (etwa: Neil Young, Jackson Browne, Grateful Dead, auch: Springsteen), und dabei waren nicht ganz unwichtig: Fleetwood Mac, die seinerzeit mit “Rumours” einen omnipräsenten Seller draußen hatten, der allerdings bereits gespickt mit den Krisendiskursen des Ennui war.
Das Erscheinen des Nachfolgealbums “Tusk” zog sich nach meiner Erinnerung endlos hin, und als es dann schließlich erschien, waren darauf bemerkenswert viele Songs zu hören (zumeist aus der Feder von Lindsay Buckingham), die wie hingerotzte Skizzen klangen. Ansonsten wurde im Umfeld des Albums viel von Drogen und Trennungen, von Streit und Orientierungslosigkeit gemunkelt. Ich habe “Tusk” seinerzeit irgendwie gemocht, das Doppelalbum hat mir das Warten auf ABC verkürzt. Welche Bedeutung “Tusk” für das kollektive Unterbewusste der US-Popkultur besitzt, weiß ich nicht, man müsste David Lowery mal fragen. Schnitt. Im Frühjahr 1986 versammelten sich Camper van Beethoven in einem Wintersportort namens Mammoth (sic!), um an neuen Songs zu arbeiten und etwas Spaß zu haben. Dann wurden sie eingeschneit und der Drummer Chrispy Derson verletzte sich und musste zum Arzt. Achtung, Zitat Promoblatt: “After walking an hour and a half (each way) to the medical clinic, and a general sharing of Chrispy´s pharmaceuticals, it seemed somewhat logical to re-record Fleetwood Mac´s infamous “Tusk”.” Toller Ursprungsmythos, nicht wahr? Die Band hatte also reichlich Zeit, eine Vier-Spur-Bandmaschine und einen Drumcomputer. Anschließend wurden die Bänder schlicht vergessen, tauchten aber jetzt, rechtzeitig zur anstehenden Reunion-Europa-Tour, wieder auf – und sind ein faszinierendes Stück Konzeptkunst, entstanden auf der Basis von Studentenulk und Pharmaceuticals oder, andersrum, ein großer Spaß, der unvermittelt zur Konzeptkunst wird: die gescheiterte Rekonstruktion eines Scheiterns. CvB spielen sich durch das gesamte Album, es wird buchstäblich nachgestellt, die triviale Schönheit der Songs setzt sich auch unter den Low-Fi-Bedingungen durch, die Musiker schwanken zwischen Respekt und Genervtheit, in der Version von CvB erhalten die Texte eine Tiefe, die sie vielleicht auch bei Fleetwood Mac gehabt haben mögen, die dort aber irgendwie verdrängt wurde (und sei es in meiner Rezeption). So erleben wir eine erschöpfende Verbeugung vor den saturierten Drogenexzessen und Beziehungsdiskursen der kalifornischen Spät-Hippie-Kultur, einen kannibalistischen Akt, der immer auf der Kippe steht, zum Exorzismus zu werden, und doch immer die Kurve ins Ambivalente bekommt. Für eine eindimensionale Indie-Destruktion (à la Spaßpunk) des Materials waren CvB schon 1986 zu klug, zu sehr Mucker, zu ehrlich in Bezug auf die eigene Geschichte. Ein Album für kulturwissenschaftliche Magisterarbeiten und – by the way – ein Riesenspaß!
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