BEWERTEN
 

Graham Coxon

»The Kiss Of Morning«

[Transcopic Records / Emi / VÖ: 21.10.2002 ]

Text: Sonja Müller, Sonja Müller

Graham Coxon versteht es, die Musikwelt zu bewegen. Die Fans zittern seit Wochen. Verlässt er Blur? Läuft er zu den Gallaghers über? Löst er sich gar auf? Egal, denn hier ist das neue Soloalbum; dazu angetan, Zweifel und Urängste zu verdrängen, die Sonne in den Herbst zu tragen, das Herz nicht verknorpeln zu lassen etc. Der Kuss des Morgens, also. Das vierte Album in nur drei Jahren. Lebensbejahend wie Wackelpudding, melodisch wie nie. Aus ist die Zeit der Zerfahrenheit, vorbei das Genöle. War „The Sky Is Too High“ die musikgewordene Pointe, „The Golden D“ eine Kaperfahrt zu Punk und Jazz, „Crow Sit On Blood Tree“ ein in nur zwei Wochen aufgenommener Paranoia-Rundumschlag (Man beachte: Während Kollege Albarn vermutlich darüber nachdenkt, welche neue Frisur er sich zulegen solle, haut Coxon mal eben so zwölf Songs raus), so ist „The Kiss Of Morning“ ein Wirklichkeit gewordener Gitarristentraum.

Generell schockiert das Album nicht im geringsten. Und das ist gut so. Es sind mindestens vier potentielle Singles darauf vertreten, die gleichsam aufgeräumt wie entschlossen klingen. Die problematischen Zeiten sind vorbei, ohne dass die berühmte Wut auf der Strecke geblieben wäre. Graham kann noch immer aus vollem Herzen schimpfen; wenn er einen Grund sieht, greift er auch gern zu allseits beliebten Coxon-schen Kraftausdrücken à la „you’re a scumsuckin’ shitty guy“. Doch das Nörgeln ist mittlerweile wesentlich kanalisierter und gibt einen Weg für ganz neue Emotionen frei. Nach dem genervten „Do What You’re Told To“ bricht mit „Mountain Of Regret“ eine ganze Wolkenbank auf, macht Platz für countryeske Eskapaden der Selbsterkenntnis. Und das Schönste: Da, wo das herkommt, wartet noch viel mehr davon. Es war kein Zufall, dass Blurs „13“ die Käuferschar mit Coxon als Zugpferd umwarb. Sogar eine eigene Single sprang dabei für den charismatischen Anorak raus. Und wenn Damon Albarn abfällig behauptet, ihn interessiere es nicht die Bohne, was sein Gitarrist da so treibe, möchte man ihm allzu gern das ignorante Grinsen geraderücken. Nicht dass ich jetzt zu Thees Uhlmann und der Oasisfront überliefe, bewahre! Ich mag Blur. Vor allem aber wegen Graham Coxon. Den kann mir nicht einmal Gott persönlich (Luke Haines) madig machen. Und Coxon macht es mir auch echt leicht. Ein Kuss am Morgen reicht ja schon.



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