BEWERTEN
 

Kelly Willis

»Easy«

[Ryko / Zomba / VÖ: 19.08.2002 ]

Text: jochen brandt, jochen brandt

Na, wo fängt der Wilde Westen an? Richtig, hinter Hamburg, in einem Studio in Maschen gleich bei der Autobahn. Dort hören die ergrauten Country-Klepper von Truck Stop wahrscheinlich noch heute Geige, Banjo und Steel-Guitar und sind richtig gut gelaunt. So sind sie halt, die Cowboys von der Waterkant mit ihrem, äh, Nashville-Sound. Es ist also nur angemessen, Kelly Willis’ neue Platte “Easy” gerade dann zum ersten Mal zu hören, wenn man in einer sternklaren Nacht das Maschener Kreuz gen Westen passiert. Plötzlich ist alles so wie damals, als das eintönige Ohio endlich hinter einem lag und vorne die weichen Hügel Tennessees auftauchten.

No sleep till Knoxville und im Radio auf jedem Sender Country-Musik. Willis wäre gewiss von keinem Programmdirektor aus der Heavy Rotation genommen worden. Spiegelblanke Western-Musik von einer Lady, die vor mehr als einem Jahrzehnt in den Clubs von Austin entdeckt wurde. Traurig sind die Stücke, traurig und sehnsuchtsvoll, wie es sich eben gehört für ein Cowgirl, das von gebrochenem Herzen singt. Ohne Ecken und Kanten schmiegen sich behutsame Arrangements an Willis’ schmachtende Stimme, im Hintergrund holpert ein gezupftes Banjo, und leise wimmert die Slide-Guitar. “Easy” ist keine Platte für alle Gelegenheiten. Aber sie ist mehr als ein Pflichtkauf für ausgemachte Western-Fans. Und nachts um drei, allein auf der Autobahn Richtung Westen, gibt es ohnhin kaum etwas Besseres. Wenn Willis eine liebreizende Farmerstochter ist, dann sind The Boggs gewissermaßen ihre rüpelhaften Brüder. Während die brave Kelly abends mit ihren Eltern am lodernden Kamin sitzt, torkeln die Jungs johlend durch die Scheune, lallen was von Whisky und Korn und grölen ihre Lebensfreude über die Prärie. Auch The Boggs arbeiten mit den Stilmitteln des Country, nur gehen die Cowboys aus Brooklyn viel unkontrollierter zu Werke. Mitunter recht grobschlächtig stampfen sie durch zwanzig Stücke und fordern ungestüm zum Square Dance auf. Come on, boys and girl, let’s dance with them!



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