BEWERTEN
 

Me'shell Ndegeocello

»Cookie: The Anthropological Mix Tape«

[Maverick / WEA]

Text: Boris Fust, Boris Fust

R’n’B ist dieser Tage Produzentenwerk. Und das ist durchaus folgenschwer: Eine Handvoll Producer hat das Feld untereinander aufgeteilt, Leute wie Rodney Jerkins oder Timbaland arbeiten zudem seit geraumer Zeit an einer Cyberisierung dessen, was sich zuvor als genuin menschlicher Ausdruck verstand. So ist der Weg ins musikalische Jenseits beschritten: Soul unterliegt einem rasant fortschreitenden Prozess der Entkörperlichung. Ohne eine solche Entwicklung wäre Me’shell Ndegeocello mit “Cookie: The Anthropological Mix Tape” allenfalls ein ausgezeichnetes Album gelungen. Was nicht weiter bemerkenswert gewesen wäre, schließlich konnten die drei über das vergangene Jahrzehnt verstreuten Vorgängeralben stets durch songwriterische Klasse und exquisites musicianship überzeugen.

Doch auf dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung und, damit einhergehend, einer Hinwendung zum Durchgeistigten und protestantisch Vergeistlichtem ist “Cookie” anachronistisch und wichtig zugleich. Eindrucksvoll an diesem flammenden Statement zugunsten des Humanismus’ ist vor allem, dass es durch systematische Verwendung der Produktionsmittel des antagonistischen Lagers – Cato drückt als Executive ein Knöpfchen nach dem anderen – gleichsam deren Argumentationsstrukturen nachzeichnet, die Message aber ins Gegenteil verkehrt. Wie wenig es Ndegeocello an Konsequenz mangelt, zeigt sich auf “Trust”, das einem in seiner Offenheit die Schamesröte ins Gesicht treibt. Expliziter kann man das herrschende Körperregime wohl kaum bekämpfen. Fulminant.



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aus Intro #98 (September 2002)
 
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