Hop to be Hip
»mit Uwe Buschmann«
Text:
Uwe Buschmann,
Uwe Buschmann
Wenn Krokodilstränen bittere Realität werden, dann hat das Schicksal besonders hart zugeschlagen: Konnte man zuerst seiner diebischen Freude über fehlgeschlagene Einzelhaftversuche kaum Einhalt gebieten, als man von der Nachricht erfuhr, dass es tatsächlich eine neue Ol' Dirty Bastard-LP gebe, folgte die Strafe (nämlich eine komplette Albumlänge in der Ausnüchterungszelle für alle ODB-Fans, ohne Bewährung) auf dem Fuße. Nicht dass \"The Trials And Tribulations Of Russel Jones\" (D3 / Rivera) jetzt totaler Mist wäre, nur im Vergleich zu den beiden LP-Vorgängern, na ja, eben totaler Mist ist. Lag es an ODBs uncleveren Anwälten, die besser ein Besuchsverbot für Gäste wie Mack 10, Too Short, Insane Clown Posse oder C-Murder im Knast-Studio erwirkt hätten, oder dass alle wirklich guten Beatbastler in seinem Zellenblock vorzeitig ausbrechen konnten - man weiß es nicht.
MB1000 gibt's jetzt \"Auf Platte\" (BMG). Hö, hö. Maze, Bene und DJ Lord Wax - drei Hannoveraner mit langjähriger HipHop-Credibilität - trauen sich noch was. Da wird schon mal mit Vorschlaghammer, Baseballkeule und Skateboard im Anschlag fürs Albumcover beinhart posiert. Dazu pumpen auf der Single \"Abriss\" die Beats und versprühen die Reime eine solche Energie, wie man sie sonst gerade nur bei M.O.P. um die Kappe geschlagen bekommen hat. Hart und, Gott sei Dank, weit jenseits von herzlich. Keine Schonzeit für Fake-MCs. Deutscher HipHop als aufrechte Lebenseinstellung, das musste nach all den oberen Chart-Plazierungen von MC Hinz & DJ Kuntz auch mal wieder gesagt werden. Spax' Reim-Schützlinge starten Vollgas durch.
\"rap.de/allstars\" ist eine Underground-Kult-Sendung für Kopfnicker-erprobte HipHop-Headz und gar nicht so unähnlich dem, was Funkmaster Flex auf \"Hot 97\" im fernen New York über den Äther versendet. Auch hier geben sich angesagte MCs und DJs die Radio-Show-Klinke in die Hand, um zu beweisen, was live wirklich für Skillz in ihnen stecken. Auf der neuen \"rap.de/allstars #02\"-Compilation (rap.de) ist jeder Artist zusätzlich zu seinem live/exklusiv performten Track bzw. Freestyle mit einem regulären Top-Titel aus seinem aktuellen Repertoire vertreten. An Bord sind hier Eins Zwo, Kool Savas, Curse, Blumentopf, Spax, Nico Suave und mehr. Zusätzlich geht rap.de/records noch mit zwei lohnenswerten EPs an den Sommer-Start: Mellow Mark mit \"Feuer / Hunger\" und Dissput mit \"Streit!\".
Guten Ami-HipHop gibt es in diesem Monat von den notorischen Mobb-Deep-Freunden Infamous Mobb mit \"Special Edition\" (Landspeed). An den Reglern, die die Beats bedeuten, waren The Alchemist, DJ Muggs und Havoc. Guter Undergroundstuff auch von Richy Pitch, \"Live At Home\" (7Heads / Groove Attack), Declaime Pres. Madmen, \"Madmen On Arrival\" (HumDrums / Groove Attack), und der Sonic Sum, \"Plasterman\"-EP (Ozone / Zomba).
Auch Wonderkidrapper Cam'ron scheint endlich richtig durchzustarten. Dafür musste es ihn aber erst ins Roc-A-Fella-Camp von Jay-Z verschlagen. Da wurden ihm für sein neues Album \"Come Home With Me\" (Roc-A-Fella) direkt einschlägige Haus-und-Hof-Produzenten wie Just Blaze oder Ty Fyffe aufs Mischpult gedrückt, und schon geht sie ab, die notorische HipHop-Chart-Luzie. Besonders gelungen dabei die Single \"Oh Boy\" mit diesem hochgepitchten Stimmchen als Vers-Breaker. Mit Freeway hat Roc-A-Fella auch schon das nächste HipHop-Hit-Eisen geschmiedet. Und auf der Debüt-Single gewinnen sogar beide Seiten. Die A-Seite \"Line 'em Up\" kommt dabei mit funky Gitarrengebratze besonders derb. Nicht nur als Hobby-Flitzebogen darf man also auf das Debüt-Album gespannt sein. Zum zuverlässigen Kopfnicker-Lieferanten hat sich auch Ludacris gemausert. Die neue Single \"Move B***h\" (feat. Mystikal and Infamous 2.0) zeigt den amerikanischen HipHop-Süden mal wieder von der herrlich unkorrekten Seite.
Break: PITCHES, PLEASE!!!
Während die HipHopper meist begnadete Sample-Frickler sind, die bereits jahrzehntelang damit beschäftigt sind, eine funktionierende Funk-Metrik im Mid- bis Down-tempo-Bereich in ihre Songs einzubauen, sind Britanniens Drum'n'Bass-Heroen schnell anders an die ganze Sache herangegangen. Hier ging der Drummer vom Start weg geradezu mit Lichtgeschwindigkeit wicked, und ein Bläser-Sample raste an einem wie ein Meteorit vorbei. Dass Drum'n'Bass immer noch nicht ganz tot ist, beweisen die neuen Kriegstanz-der-Trommeln-Alben von Digital, \"Dubzilla\" (Function Records / Groove Attack), und Dillinja & Lemon D (presents Valve Sound System), \"Big Bad Bass\" (Valve). Was immer noch aufregender dahersteppt als Roni Size & Cypress Hill mit der Single \"Child Of The Wild West\" (Virgin), wo man dann doch wieder merkt, dass Kiffen, Stonewalken und Teilchenbeschleunigung nicht der gleichen Gesundheitsreform entstammen.
Some mouths are bigger than others. Wer dringend mal vom HipHop einen Inselurlaub benötigt, dem sei ein kleiner Ausflug in Richtung Dancehall 2002 empfohlen. The harder they come, the better they come! Dem aufgeschlossenen Pauschaltouristen, der sich nicht im 7-Inch-Dschungel der örtlichen Tanzhallenkultur auf Jamaika verirren will, seien folgende Compilationes empfohlen: \"Greensleeves Reggae Sampler 23\", \"Martial Arts Part 1 + Part 2\" und \"Zero Tolerance\" (alle Greensleeves / Public Propaganda). Sound- and Rhyme-Bombing galore. Danach steigt kein Trommelfell ungebounced nach Hause in die Hängematte. Einmal auf Balkonien angekommen, lohnt es sich, die Dubblestandard-CD \"Streets Of Dub\" (Select Cuts / Efa) einzulegen. Die tiefen Bässe und der wabernde Schall versetzen einen schon rein akustisch in die richtige Schwingung. Aus dem gleichen Label-Hause gibt's übrigens die \"Nation\"-Compilation (Select Cuts / Efa). Auf der tummeln sich Beat-Globetrotter wie Transglobal Underground, Fun Da Mental, Asian Dub Foundation oder auch Jah Wobble. Der ideale Soundtrack, wenn man den ganzen Weltschmerz nicht mehr verkraftet und bei CNN einfach mal den Ton abdreht. Ergibt ein tolles Video. Und verkürzt die Wartezeit auf den Kinofilm \"Black Hawk Down\" kongenial. Draußen knallt die Sonne. Alles wird gut.
ERGÄNZUNGSKAPPEN:
Ganja Smoka \"Benjie\" (Def Jam / Universal) - Kim will kiffen, und da hängt noch ein ganzer Rattenschwanz dran. Diese Maxi macht Laune dabei. Souveränes Toasting, mein lieber Schwan.
Glanz FX mit Dabrutack \"Tanzpartner\" (Def Jam / Sony) - Kaffeehaus-HipHop. Sehr flott und lebendig. Erinnert an Fishmob meets Deichkind, nur mit anderen Leuten. Schüttel es, Baby. Warum nicht?
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