BEWERTEN
 

Michael Hurley

»Sweetkorn«

[Trikont / Indigo / VÖ: 17.06.2002 ]

Text: Ulrich Kriest, Ulrich Kriest

Ist euch die Welt der bürgerlichen Feuilletons auch schon immer etwas suspekt gewesen? Dort treiben durchtriebene Donaldisten ihr Unwesen, die manchmal aus einer Laune heraus noch unveröffentlichte Romane mit der Antisemitismuskeule dissen (und sich mit der PR-Abteilung des betreffenden Verlages gewiss bestens verstehen), dort sitzen auch ältere Männer, die offenkundig nur auf eine günstige Gelegenheit warten, sich unisono als nibelungentreue Fans noch älterer, gerne weißer Männer zu outen. Zu diesen knorrigen, gut abgehangenen, gerne auch mal bärtigen Zen-Meistern der Feuilletons zählen neben den Topdogs Bob Dylan und Brian Wilson auch Townes Van Zant, Leonard Cohen, Johnny Cash, Van Morrison, mit konjunkturellen Abstrichen auch noch Lou Reed, John Cale, Paul Simon oder Daniel Johnston.

Erscheint gar ein neues Album, wird einer der Genannten vielleicht in der Nähe deutscher Bühnen gesichtet, feiert gerade sein 40. Album oder seinen 80. Geburtstag, dann, ja dann, dann stehen alle Mann auf und stramm, um die immer gleichen Loblieder auf “Pet Sounds”, auf “Blood On The Tracks” oder auf als Outlaws getarnte Reaktionäre, die uns etwas über die conditio humana zu erzählen haben sollen, zu singen. Der Refrain lautet dann zumeist ziemlich eindeutig: “It’s A Man’s World”, und wir finden das gut. In den kommenden Wochen wird nun Michael Hurley, Jahrgang 1941, durchgereicht, jede Wette. Vor Jahren spielte mir der Zufall in Gestalt Thomas Meineckes ein damals aktuelles Album dieses knorrigen Singer/Songwriters, der 1965 auf Folkways debütierte und einschlägige Beatnik-Gestalten wie Peter Stampfel, Ed Sanders, Tuli Kupferberg oder Ken Weaver noch als junge Männer kannte, in die Hände. Ich habe “Wolfways” durch die Jahre wiederholt gehört, fand es stets bereichernd, aber gewiss nicht weltbewegend (vielleicht bin ich nicht Manns genug?). Mittlerweile sind wir beide, Michael Hurley und ich, acht Jahre älter geworden, aus unserer Zufallsbekanntschaft ist keine Männerfreundschaft geworden. Die Geschichten, die Michael auf “Sweetkorn” zu Gitarre, Banjo, Dobro, Mandoline erzählt, unterhalten mich ausgesprochen gut (allerdings nicht so gut wie die Geschichten, die mir John Fahey erzählt), aber sie berühren mich nicht. Mir scheint das fast ein gutes Zeichen.



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