BEWERTEN
 

Eminem

»The Eminem Show«

[Motor / Universal / VÖ: 27.05.2002 ]

Text: Kerstin Grether, Kerstin Grether

Jetzt lieben ihn alle, und er liebt sogar Amerika, wie er am Ende von “White America” bekennt: “I’m just kiddin America, you know I love you.” Ich glaube es ihm sogar, auch wenn er Amerika vorher noch darauf aufmerksam gemacht hat, dass er es ist, der die weißen Kids zum Bösen bekehrt. Aber was das “Böse” ist, sagt er schon gar nicht mehr. Er gibt sich mehr denn je als der übermütigste, coolste Scheißer around, der nie was anderes wollte als rappen und seine freie Meinung - eben auch gegen Frauen und Schwule - sagen. Wer will da noch widersprechen? Eminem haut alle platt mit seiner “Eminem Show”, mich zumindest auch.

Aber es ist ja auch seine Dritte, und auf der dritten LP muss der Bürgerschreck zum Bürgerliebling werden oder zumindest zum Gründer des Bürgervereins. Ist ja auch egal. Die Platte ist verdammt geil. Denn Eminem und sein Förderer und Produzent Dr. Dre haben alles, alles richtig gemacht, begonnen eben bei der Produktion. Das Album ist wie eine Rock-Platte arrangiert, kann also auch mühelos beim Rock-Publikum (Crossover zwischen Rock und Rap ist ohnehin schon längst einklagbar) landen und ist gleichzeitig ein Schlag in die Fresse des erfolgreichen Rap-Metal.
Selbst noch der kommerziellste Nu Metal klingt schwerfällig gegen diese Platte - wobei Papa Roach auf ihrer neuen ja auch schon in die Richtung gehen. Aber um Gottes willen: wie uncool sind Papa Roach dagegen. Das Lustige an Eminem ist: Es gibt gar keine Widerstände mehr, gegen die man angehen muss, um diese Songs zu lieben - und trotzdem hat man die ganze Zeit das Gefühl, einer echt provokanten Idee und Sache beizuwohnen. Die Beats sind deftig und geil wie immer, die Reime so gut, dass man so was sofort auch schreiben können will, und die Refrains haben Mitclap-Hollywood-Swing-Flair, obwohl er singt: “Say goodbye to Hollywood”. Denn er ist clever genug, sich nicht dazu zu zählen. Sich zu gar nichts dazu zu zählen, außer vielleicht zur “black community”, haha, meine natürlich: außer zur eigenen (Eminem-) Show. Die gute Laune des Siegers, der sie alle schachmatt gesetzt hat, spricht aus den Songs. So eine übermütige Rache-Energie, da kann sich ja auch jeder so’n bisschen identifizieren. Soll ich jetzt die einzelnen Songs besprechen? Hört sie euch doch einfach selbst an. Kommen eh dauernd im Radio. Ich will lieber noch etwas Meinung meinen: Das Problem an Eminem ist gar nicht Eminem, sondern dass dieses Konzept jedem Arschloch die Berechtigung gibt, seine Ressentiments auszubreiten - wenn er sie nur lustig verpackt. Aber Arschlöcher finden ja sowieso immer Möglichkeiten, ihre Ressentiments zu verbreiten. Also anders gesagt: Etwas für die freie Meinungsäußerung tun, sich zum Kämpfer gegen Zensur machen und seine ehrlichen Gewaltfantasien verbreiten - nur weiße heterosexuelle Männer werden dadurch zu Helden. Alle anderen würden dafür verachtet. Es ist deshalb schön - jetzt mal naiv gesagt, denn natürlich sichert es ihm credibility -, dass Eminem auf dieser Platte zugibt: wenn ich schwarz wäre, würde ich nur halb so viel verkaufen. Wenn er eine Frau wäre oder ein Schwuler, so möchte man hinzufügen, würde er wahrscheinlich gar nichts davon verkaufen und wäre nie an diesen Punkt gekommen. Denn es sind die verbotenen Fantasien der Mächtigen, die er da so unverboten zum Ausdruck bringt. Und so entpuppt sich der Bürgerschreck am Ende eben doch als der Spießer, gegen den er ankämpft. Aber das darf ich gar nicht denken.



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