Unten Intro 94
»Fink, Bierbeben, Lazy Sunday Dream, Cub Country, Pedro The Lion, Mars Volta, Superpunk«
Text:
Linus Volkmann uva.,
Linus Volkmann uva.
Warum sind eigentlich immer alle auf Tour, wenn man sie braucht? Und warum hat der Rest Grippe? Egal und losgerockt. Aber verkopft. Aus der Wüste kommt Mass \"Absence Of...\" (Kollaps / Hausmusik). Gut, wenn auch nicht Notwist. Möglicher Konsens, wenn man mit seiner Mutter Auto fahren muss ist Call And Response - mit gleichnamigem Album (EmperorNorton Records / EFA). Indiefunk, bis der Gesang einsetzt, dann eher Gitarren-Pop apricotscher Prägung. Auch für Mütter geeignet, aber auch sonst wertvoll ist der angenehm lockere County-Rock von Lazy Sunday Dream \"Soulages\" (Munich), auch wenn Straßenverkehr eventuell zu streßimmanent für die Lieder sein könnte.
Die alten Hardcore-Recken von Jade Tree werden immer erwachsener. Während Mighty Flashlight (\"Mighty Flashlight\") und Cub Country (\"High Ultra High\") das weite Feld des adult orientated Countrys beackern, baut Denali (\"Denali\") auf Portishead-Gesang zu Grunge ohne Verzerrer. Wie immer toll ist aber \"Control\" von Pedro The Lion (alle Jade Tree / Cargo).
Einer der Lieblinge des Tages: The Epidemic, der mit \"I Am Compltely Operational\" (Ache Records / Westberlin) zeigt, wie warm Powerbook-Homerecording sein kann. Für alle, die Emo inzwischen langweilig finden. Allen, die Emo immer noch toll finden, sei The Appleseed Casts \"Low Level Owl: Volume 1\" (Deep Elm Records) ans Herz gelegt. Komplexer Indie-Emo auf dem Weg zur Rock-Oper. Absoluter Schatz des Tages ist aber das Duo Mates Of State. \"Our Constant Concern\" (Polyvinyl) ist Orgel-Schlagzeug-Musik, zu der alle mal wieder tanzen dürfen, egal ob's scheiße aussieht. In diesem Kontext etwas verloren wirkt FPUs \"Crockett's Theme\" (Turbo / Ministry Of Sound), eine werknahe Interpretation des Jan-Hammer-Klassikers. Wohl toll für Menschen, die in den 80ern geboren wurden und trotzdem keine Socken tragen, vom Sound her aber eher Autoscooter.
Kommen wir zum schönsten aller Formate, der Vinyl-Single: Bernadette La Hengst promotet mit \"Keine Tränen / Ein Mädchen Namens Gerd\" (Ritchie Records / Flight 13) gleich zwei Platten (den Cash-Tribute-Sampler auf Trikont und ihr Solodebüt). Einmal gecovert (\"No Tears\" / Tuxedomoon), einmal inspiriert (\"Boy Named Sue\" / Johnny Cash), zweimal: ja! Die Kurt Später-Nachfolger Erdbeertörtchen spielen auf \"In Den Strassen Von Teefabrik\" (Köff-Köff-Schallplatten) wunderschönen Instrumentalpop mit Punkbackground. Kann gar nicht schlecht sein. Als Bonus: über 200 verschiedene Cover bei einer Auflage von 500 Singles. Ähnlich glamourös schenkt uns die Coldstoned-Single \"Tonight Let's All Get Coldstoned EP2\" (Firestation Tower Records) Showmusik für große Bühnen mit leuchtenden Treppen und glitzernden Anzügen. Ehrliche Rocker versammeln sich auf der Splitsingle von Johannes Finke / Systemhysterie (Lautsprecher), ehrliche Elektroniken auf Fujiya & Miyagis \"Electro Karaoke / Rot\" (Massive Advance / Ideal), am besten in der Salzwüste von Utah. Wie Musik klingt, wenn sich Menschen zusammentun, die viele Stunden über Musik nachgedacht haben, kann man auf den 7 Zoll von Kanton (Beau Rivage) aus Hamburg erahnen. Zu klug für die meisten von euch. Ha.
Auch Vinyl, aber groß und doppelt sind die \"Mixed Signals\" (Rocket Racer / Westberlin). 14 Remixe von Songs der San Diegoer Teppichrocker Tristeza. Geschmackvoll mit leichter Tendenz zur Langeweile.
Maxis maximal: Mars Volta können auf \"Tremulant EP\" (Gold Standard Laboratories / Efa) ihre Wurzeln als At-The-Drive-in-Spin-Off nicht leugnen. Quite ähnlich zur Vaterband, nur psychedelischer und Bassbetonter. Múm schüren mit 2 tollen Liedern auf \"Green Grass Of Tunnel\" (Fat Cat / Indigo) die Vorfreude auf das neue Album, Karate brauchen auf \"Cancel / Sing\" (Southern / EFA) für 2 Lieder 26 Minuten. Superpunks neusten Wurf gibt es gleich in 2 Varianten, entweder als CD mit einer neuen Version von \"Ich Bin Kein Ignorant…\" (L'Age D'Or / Zomba) oder auf der Single, die lediglich Coverversionen enthält. Fans brauchen natürlich beides.
Hallo Kleinkunst, ruft uns das von Ani DiFranco produzierte \"Eternally Hard\"-Album von Bitch And Animal (Righteous Babe Records / Indigo) zu. Klingt, als ob ein Paar Dänen in Santa Cruz, Ca. am Hippiestrand hängengeblieben sind. Witzig geht anders.
Für ihren Langspieler \"Domestica\" machen Cursive Werbung mit der Scheidung des Sängers. So etwas ist im Emobereich pures Geld. Ob sich das auch für die \"Burst And Bloom EP\" (beide Saddle Creek) ausnutzen lässt, wird sich zeigen. Der Preis für den besten Albumtitel geht an \"Too Late To Die Young\" von Department Lounge (Bella Union / Efa). Von Kid Loco produzierter Gitarrenpop, was aber keine signifikanten Spuren hinterlassen hat. Knackiger sind da Amsterdams Johan \"Pergola\" (Munich). Pop mit Ausrufezeichen. Schielen mit beiden Augen über den Kanal. Auch fluffig poppig, nur mehr in den 60s kommt es vom selbstbetitelten Album der Blondes (Middle Class Pig). Gut zum Rumfahren in Autos.
Die Ironiepeitsche haben die Schweden Dialog Cet mit \"ny metall\" (Carcrash / Westberlin) ausgepackt. Außen Metal, innen Postrock. Sowas hatten Fink noch nie nötig. Für Fans gibt's jetzt mit \"Letzter September\" (Return To Sender / Normal) eine feine Liveplatte. Für Fans von Embrace kommt mit \"Fireworks\" (Hut / Virgin) eine Singlekollektion. Kann man erst recht nichts mit falsch machen.
Experimentell tönt Rock Outs \"Sound Check\" (Ideal / Westberlin). Schlagzeug und Scratchen. Sonst nix. Ab in die Hamburger Hörbar. Ähnlich (un-)hörbar ist auch Neven Dayvids \"Unstar\" (Spinner Ace / Alive) mit seiner Nullerjahre-Version von NoWave. Dekonstruktion von Popmusik nennt man so was. Na ja.
Ebenfalls angetreten, um unsere Hörgewohnheiten zu erweitern, ist das Earwing-Label aus Zagreb. Viermal Musik von und für Erwachsene: A Short Apnea spielen auf \"Illu Ogod Ellat Rhagedia (Ustrainhustri)\" Freejazz, und das ganz schön free. Kurzfilmmusik. Drei Stücke in 55 min, die aber unterindexiert sind, was toll ist, aber von keinem CD-Player unterstützt wird. Musik, die Gitarristen immer machen wollten, klingt auf Sicbays EP \"Fort Busy Signal\". Fatima-Mansion-Gesang und Polvo-Gitarren, ein bisschen gewollt Metal, live aber bestimmt super. Den Sound of Orchestergraben regiert die Earwig-Hausband Uz Rujan, die auf \"...Thirteen Days Forth And Thirteen Back…\" konsequent offenlässt, ob sie ihre Instrumente beherrscht. Klassenbeste aus Zagreb sind Peach Pit, deren Postrock auf \"Suspicious Cargo\" gut auf Punkt kommt (alle Earwing Records / Westberlin).
Mary Lou Lord verhebt sich an dem Daniel-Johnson-Klassiker \"Speeding Motorcycle\" (Rubric) auf das Schwerste. Man sollte wissen, was man covern kann - und was nicht. Die unsägliche Version empfängt uns dann auch gleich als erstes Stück des Label-Samplers \"Rubric Records Sampler #1\" (Rubric), der ansonsten aber einiges erfreulich unhippes Liedgut aus NYC präsentiert. Bleiben wir gleich bei Samplern: \"Smash It Up\" (Silbersack) bringt uns einen Sack voll britische Bands, die allesamt versuchen, amerikanisch zu klingen, aber trotzdem wohl vollständig beim Oasis-Jubiläums-Konzert versammelt waren. Unwahrscheinlich, dass sich in den UK irgendjemand für diese Bands interessiert. Gelungener ist da schon \"The Intellectos Manifesto\" (Intellectos Records / Westberlin), eine bunte internationale Tüte, für die jungen Intellektuellen, die keinen Wert auf verkopfte Musik legen. Dasselbe Label empfiehlt sich auch gleich mit dem Bis / Le Tigre-Hybrid Winterbrief - \"Take The Town\" (Intellectos Records / Westberlin) und dem Guy Who Invented Fire, der für \"I Didn't Get Where I Am Today\" (Intellectos Records / Westberlin) zwar Abzüge in der B-Note - für das millionste Sample von einer Stereodemonstrations-Platte - bekommt, aber sonst durchaus mit seiner Hinterzimmerelektronik zu gefallen weiß. Nichts für Katzen, übrigens.
Danke, das war's. Nun husch wieder ab in die Tourbusse, respektive Bettchen.
P.S.: Von wegen, das war's. Aber weil es zu nah an den Autoren (Tomte und Kettcar) dieser Rubrik wäre, lassen wir sie schlafen und diese Besprechung kommt jetzt von einem desk im Hauptquartier. Fuck Hamburg, das ist Köln-Mitte. Und es läuft Das Bierbeben \"Die Birne Ist Reif\" (Rock-O-Tronic). Das Allstar-Punkkabarett von der Schanze liefert sechs underrated selbgemachte Deutsch-Punk-Hymnen. Ironischer Häuserkampf und Appelkorn-Party - das ist genauso lässig wie auf den realen Viten der Jungs basierend. Ex-Fun-Punks nehmen Kohl auseinander. Eine Freundin sagte einst mal, \"hey, das ist ja voll Bier.\" Glaube, sie meinte damit: gut.
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