BEWERTEN
 

Pet Shop Boys

»Release«

[Parlophone / Emi / VÖ: 28.03.2002 ]

Text: MichaelMKrumbein, MichaelMKrumbein

Der Lack, ja der ”saturday night alright for fighting”-Lip-Gloss ist ab bei Neil Tennant und Chris Lowe. Absichtlich. Wie auch die Kollegen von Pulp haben sich die Pet Shop Boys dazu entschlossen, sich dieses Mal allen Schnickschnacks zu entledigen und so natürlich wie möglich rüberzukommen. Keine Verkleidungen, keine zusätzlichen Produzenten, ein Tillmans-Video mit den Mäusen der Londoner U-Bahn. Skeptiker werden genau an diesem Punkt fragen wollen, was denn da noch übrigbleibt, subtrahiert man die Inszenierung von den Pet Shop Boys? Die Antwort auf diese Frage ist bald klar: Zehn wenig aufgeblasene Songs, wie sie ergreifender und bewegender nicht sein können.

Dabei schaffen es Tennant und Lowe, jede Gemütslage so empathisch zu vermitteln, wie man es nur mit Musik vermag. Sei es nun eine verzehrende Sehnsucht wie in \"Home & Dry\" oder die absolut niederschmetternde Bilanz einer gescheiterten Liebe wie in \"Love Is A Catastrophe\" – nie waren die Pet Shop Boys zugänglicher, nie haben sie einen mehr teilhaben lassen an ihrem Werk. Wie groß die Songs auch bei näherer Betrachtung sind, das soll exemplarisch am Song \"The Night I Fell In Love\" dargestellt werden. Dort erzählt Neil Tennant die – vermutlich leider nur fiktive – Geschichte, wie sich ein Schüler in Eminem verliebt und mit ihm eine Nacht verbringt. Wir erfahren nicht nur, dass Eminem neun von zehn Punkten für die in der Nacht erbrachten Vergnügungen erhalten hat, sondern auch, dass er morgens zum Frühstück auch Späße über Dr. Dre und die anderen Homies macht. Ein Mensch wie du und ich. Oder die Pet Shop Boys eben.

Genau umgekehrt verhält sich der Fall bei George Michael. Der haut mit \"Freeek!\" so richtig auf die Sahne: Fette Produktion und ein Video, von dessen Budget eine vierköpfige Familie in Deutschland über mehrere Jahre ein sorgenfreies Leben führen könnte. Schiebt man aber dieses Blendmaterial zur Seite, stellt man fest, dass Michael uns bloß sagen will, wie lang seiner ist, wie lange er kann und dass man sich für diese schlechte Welt gut wappnen muss. Letztere Behauptung ist sicherlich richtig, kommt aber in Verbindung mit dem dünnen Song und dem dicken Drumherum rüber wie gelebter und in Popverse gepresste Verbitterung. Und die wiederum ist ausgesprochen spaßfrei, unglamourös und unsexy. Dieses Urteil ist sicherlich das letzte, was George Michael über seine Songs lesen will. Da hilft dann aber nur eins: bessere Songs anliefern.



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