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Le Tigre

»Feminists Sweepstakes«

[ChicksOnSpeedRecords / Efa / VÖ: 08.10.2001 ]

Text: Sven Opitz, Sven Opitz
[8 Kommentare]

“Ich weiß, sie singen nicht für mich”, singt Dirk von Lowtzow über die Queercore-Band Team Dresch. Aber für wen singen sie dann? Muss eine bestimmte Art von eng umrissenem Sein vorgewiesen werden, um hier die Stimme wahrhaft zu empfangen? Oder wäre es nicht politisch richtiger zu behaupten, dass eine Band, die lautstark Stellung gegen heterosexistische Zwänge bezieht, für all die “singt”, die die Dinge ähnlich sehen und sich deshalb angesprochen fühlen? Auch wenn man persönlich scheinbar nicht von dem durch Stigmatisierung hervorgerufenen Leiden betroffen ist, kann man sich den Verhältnissen nicht entziehen, weil man an deren Aufrechterhaltung unausweichlich teilhat.

Und deshalb die automatisch zugeteilte Verantwortung unabweisbar bleibt. Le Tigre jedenfalls sind eine der am schlausten insistierenden Stimmen in der ästhetisch-politischen Welt feministischer Artikulation. Wenn ihr konzeptueller Elektro-Punk mit Kathleen Hannas hochenergetischem Gesang aus den Boxen dröhnt, füllen sich die Tanzflächen so mancher Indie-Disko mit Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Begehrens. Für dreieinhalb Minuten fransen die Markierungen des Diskurses aus, und übrig bleibt die Entschlossenheit sich gemeinsam bewegender Körper. Denn nicht zuletzt um Gemeinschaft geht es bei Le Tigre: Ihre Texte sind weniger gesungene Gedichte als proklamierte Parolen, in die alle drei Bandmitglieder stellvertretend für eine Unmenge imaginierter Stimmen abwechselnd einstimmen. Inhaltlich formulieren sie Manifeste gegen das Alleine-Sein, gegen die stumme Depression und gegen die Apathie, die in Schlaflosigkeit und Selbstmordgefahr endet. “I’ve got to move! ... Feminists we’re calling you! ... Keep on living!” Die Bewegung soll in Bewegung bleiben, und dazu bedient man sich der geeigneten Mittel von Sequenzer-Beats, Verzerrer-Effekten und Synthesizern, bis es schließlich egal ist, ob man es mit einem unsauber geloopten Gitarrenriff zu tun hat oder mit einer unsauber gespielten Gitarre. Die Songs werden zu Kommunikationskanälen, in denen Glamour, Entschlossenheit und Wissen zirkulieren, so dass sie emotionale Unterstützung genauso anbieten wie Hinweise auf die unverzichtbaren politischen Texte von Donna Haraway oder Gayatri Spivak. Le Tigre appellieren daran, selbstbewusst zu sprechen, statt immer bloß gesprochen zu werden. Zu diesem Zweck haben sie nichts Geringeres vorzuweisen als eine eigene Sprache mit eigenen Versprechen: “I’ve got - extensive bibliographies! I’ve got MIDI in, out, thru! I’ve got - wildlife metaphors! I’ve got - post binary gender chores!”
VÖ: 19.10.01

Gerade im Vergleich mit einer Band wie Le Tigre tritt nur allzu deutlich zutage, dass es einer Vielzahl der Gruppen, die unter dem Label “Women in Rock” vermarktet werden, lediglich vergönnt bleibt, klassische männliche Subjektpositionen zu besetzen. Abweichende Anliegen, Sounds und Begehren bleiben da außen vor. Das gilt ganz besonders für das neue Album der Go Go’s. Die Band wurde 1985 zugunsten der Solokarriere ihrer Sängerin Belinda Carlisle aufgelöst und spielt heute nach ihrer Reunion mindestens so konventionelle und langweilige Songs wie No Doubt.
VÖ: 15.10.01

Richtig böse dagegen sind Kitty: Irgendwo zwischen Nu-Metal und Grindcore hämmert eine Double-Bassdrum ihre dynamischen Muster auf Breitwandgitarrenriffs, was ohne die heiser dazu röchelnde Stimme noch etwas erträglicher wäre. Aus psychoanalytischer Sicht würde man diese Musik wohl zu Recht als “phallisch” bezeichnen.
VÖ: 12.11.01



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  • User: mortisha2000
  • mortisha2000 25.11.2001 | 10:09:16

    es ist schoen, wenn sich stereotypen immer wieder selbst widerlegen und die machtpyramiden in bewegung geraten, sei es nun durch pop oder durch wundervolle intro-journalisten, die sich in den dienst der dekonstruktion stellen. is ja fürne gute sache. wow. dieser tag hat gut angefangen und daran sind le tigre und sven nicht unschuldig :) rooooooockkkkkkkken!

  • User: Reverend
  • Reverend 25.11.2001 | 14:00:01
    war immer aufrichtig
    ich muss leider widersprechen: das debut war umwerfend, aber "feminist sweepstakes" dümpelt mir recht ideenlos dahin...

  • Italodio 25.11.2001 | 15:29:39

    @ rev: also nicht kaufen? ich hatte es mir eigentlich überlegt.

  • User: puffpastry
  • puffpastry 25.11.2001 | 15:32:52

    Ich habe sie mir im Plattenladen angehört. War auch enttäuscht.

  • Italodio 25.11.2001 | 16:41:54

    danke puffy, ich hör auf dich, eine platte weniger die ich mir noch kaufen muss.
    erleichterung!

  • User: Swinging_Insect
  • Swinging_Insect 25.11.2001 | 20:30:24

    mir gefällt die scheibe. interessante beats und nette melodien. das richtige um durch den nahenden winter zu tanzen. mein tipp: kaufen!

  • User: Coolidge
  • Coolidge 25.11.2001 | 22:11:26

    Das Debüt ganz klar bahnbrechend, aber der Track auf Der Vorletzten Spex CD hat mich jetzt auch nicht umgehauen.

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