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Pulp

»We Love Life«

[Island / Mercury / Universal / VÖ: 22.10.2001 ]

Text: Thomas Venker, Thomas Venker
[21 Kommentare]

Freitag nacht. 5.15 Uhr. Ich komme aus dem Studio 672 - und es war einfach nur scheiße. Ein Körper auf der Suche nach Erlösung. Doch was findet er statt dessen: Proll-Publikum mit nackten Oberkörpern und/oder Macho-Attitüden. Nicht erfüllte Sehnsüchte sind nicht schön, gerade wenn es nicht nur um eine Erfüllung, sondern um die richtig große Umsetzung geht: Ekstase, Hedonismus, Lust, Gier. Damit eröffne ich, da es Jarvis Cocker gewissermaßen ähnlich ging, oder weniger überspitzt wissend formuliert: diese Vermutung liegt nach Interview und Plattengenuss nahe. Jarvis hat den Exzess over the top gelebt, zumindest was den Konsum angeht. Nun, ich weiß nicht, ob seine Partys am Ende besser waren als meine heutige, aber eigentlich geht es auch weniger um die Qualität der Party als um die eigene Befindlichkeit im Rahmen dieser.

Substanz- und Alkoholkonsum ist Teil dieser Inszenierung, aber er ist auch oft genug der Weg zum Überhöhen der Wahrheit. Wie auch immer: “Es war zuviel”, sagt Jarvis. Im Fall von Pulp heißt das konkret: die absolute Abkehr vom “This Is Hardcore”-Entwurf, die Negation von Hedonismus und Glamour. Pulp 2001 haben zur Natur gefunden. Sie leben das Leben auf diesem Album aus ganz anderen Gründen als noch vor vier Jahren. Doch so ganz glauben will man ihnen das nicht. Diese Überstilisierung des zur Natur Findens als Gegenentwurf trägt in sich ironische Züge. Die Band weist dies von sich. Und doch drängt sich der Verdacht auf, als sei gerade diese Hartnäckigkeit doch nur eine weitere Inszenierung, ein prozesshaftes die Alternativen Austarieren, wie man das Älterwerden handeln kann. Anhaltender Hedonismus. Oder die totale Abkehr. Genau das lässt das Konstrukt brüchig erscheinen. Spiegelbildentwürfe haben immer einen schalen Geschmack. Das kann man nicht ernst meinen. Schon gar nicht, wenn man seinen Geburtstag in einer Rotlichtbar feiert, alle Zutaten auffährt, die einem Event das Prädikat Spektakel verleihen; nicht umsonst heißt sein DJ-Team mit Pulp-Bassist Steve Mackey und Sheffielder Jugendfreunden Desperate Sound System. Und was auch noch die These von der Ironie stützt, ist die inhaltliche Ebene der neuen Platte. Noch immer handeln viele Texte von Beziehungen. Und noch immer gehen sie in die Brüche - noch immer ist der Protagonist, und das meint bei Pulp nichts anderes als Jarvis selbst, beziehungsunfähig. Toilettenfick und Landidylle kommen bei ihm aufs selbe raus. Kann jemand ernsthaft die Hinwendung zur Natur propagieren, wenn doch alles beim alten bleibt? Das Eingeständnis: “Ich bin verdammt schlecht in dieser Beziehungssache” - da spielt es keine Rolle, ob sie im verdrogten Partymilieu stattfindet oder unter freiem Himmel. Musikalisch haben Pulp, die angelegte Naturthese stützend, ebenfalls umgeschwenkt. Back to the roots. Folk. Gitarrenmusik ohne den großen Schwulst und Glamour. Wie auf der Textebene gilt: überzeichnet in Hochpotenz. Aber nicht ohne Pathos. Beispielsweise gleich bei der ersten Singleauskopplung “Trees”. Die Bäume, die uns die Luft zum Atmen schenken, sind zudem so Klischee, dass wirklich alles zu spät wäre bei Cocker, wenn er das ernst meinen würde. Doch spätestens der Clip zeigt, um was es ihm wirklich geht. In diesem spielt die Band zwischen den Bäumen, während ein Pärchen kunstvoll-überblendet sich in Ballett-Verkrümmungen versucht. Die Liebe als graziler Tanz der Geschlechter. Und dann das Nirvana-eske Blutbad. Rot all over the Bildschirm. Diese dämonische Entladung, dieses den Vorhang der Natur fallen lassen, um dem freien Lauf der Abgründe seinen Auftritt zu lassen, zeugt von der Künstlichkeit des Entwurfes. Die Quintessenz: Das Elend kommt immer und überall, von daher sorgt ein bewusstes Zurücknehmen doch auch nur für einen Spaßentzug, besser geht es einem dadurch nicht. Im Gegenteil, man wird nur noch stärker mit der Weisheit “Ich leide, also bin ich” konfrontiert. Und genau dann wird alles sehr desillusionierend. Nur wenn man so weit gegangen ist, kann man die Liebe aufs Atmen reduzieren (“I Love Life”) und sie als Warentausch (“Bad Cover Version”) anlegen. All die Empathie ist vergangen, die Naturverbundenheit hat sich entlarvt. Wie unsexy. Analog zur Hinwendung zur Natur und deren Dekonstruktion lässt sich die Rückkehr nach Hause lesen. “Wickerman” führt zurück nach Sheffield, zum Fluss unter der Stadt. Doch es ist nicht mehr als eine Nostalgie im Moment der Leere, ein nicht wirklich ernst gemeinter Auflug, der eigentlich nur in einer unbefriedigenden Nacht im Traum stattfinden kann. Aus diesem Stoff sind Selbstlügen geschrieben. Das zentralste Stück, zumindest inhaltlich, ist sicherlich “Bad Cover Version”. Eines dieser großartig zynischen Meisterwerke, für deren Text man Jarvis zärtlich streicheln möchte. Die Menschen suchen nach Kopien des Vergangenen, versuchen Altes neu zu besetzen bzw. andersherum Neues alt. Im Text meint er die Mädchen. Doch es kann auch für Partys gelesen werden. Und für Erlebnisse. Ja, für das Leben. Und was sagt Jarvis damit? Nichts anderes, als dass er noch nicht reif ist für den Gegenentwurf, dass er noch viel zu sehr am Hier und Jetzt klebt, auch wenn die Stagnation der Wiederholung nicht von der Hand zu weisen ist, der Frust immer öfter stattfindet. So ist es nun mal. In London wie in Köln. Ich habe ihn gesehen und gesprochen. Auf der Party. Auf der Straße. Auf dem Sofa. Und ich habe gespürt, was ich jetzt um 5.32 Uhr spüre: Die Party ist noch nicht vorbei. Sie muss nur wieder gut werden. Und ich weiß, dass wir das beide wissen. Wir werden weiter durchbrechen. This is hardcore.



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  • User: sashman
  • sashman 05.11.2001 | 21:31:16

    Wow, dass Naturalbum von Pulp. Klingt sehr erdig und riecht nach Holz. Blieb mir gleich im Ohr hängen (nicht so wie "this is hardcore"). Der ultimative Soundtrack für Waldspaziergänge (2 Stunden Freiburger Stadtwald), eine Flasche Rotwein (bei mir Kalifornischer Wein, was eigentlich Stilbruch ist) und dann noch einen Discoabend an sich vorbei ziehen lasse. Danke für dieses Album.

  • User: CrazyBird
  • CrazyBird 05.11.2001 | 22:04:39
    War nicht so gemeint.
    bitte, gabs schon mal sonen thread, aber meinetwegen könnte ich ewig über dieses fantastische, wahnsinnige, sagenhafte, wunderschöne album diskutieren. neue runde ;-)

  • User: Delphine
  • Delphine 05.11.2001 | 22:21:42

    lest SPEX,da isn guter artikel drin der (fast)alles gut beschreibt + sehr gutes interview!



    J.C.
    (...)
    "Ich wünsche mir das sie hoffnu´ngsvoller klingt als die letzte platte."this is hardcore" markierte das ende einer entwicklung.Auch für uns war das der absolute tiefpunkt .die band wäre fast daran zerbrochen.Andererseits weiss ich überhaupt nicht ,ob wir in der lage sind ,musik zu machen, die unmelancholisch klingt"

    des weiteren spricht JARVIS das
    USA/Taliban- Verhältnis zur RestWElt-Problem , CHartsPOPstars-Irrwitz und auch den Verfall der Popmusik an...

  • User: Reverend
  • Reverend 05.11.2001 | 22:27:18
    war immer aufrichtig
    nein, ich hab meine meinung schon im ersten thread kundgetan, und ich habe sie nicht geändert inzwischen.

  • User: Delphine
  • Delphine 05.11.2001 | 22:43:23

    nochmal ?? *g*

  • User: CrazyBird
  • CrazyBird 05.11.2001 | 22:50:54
    War nicht so gemeint.
    *g*, naja, nochmal nach der (wann war das?) märz-ausgabe. sorry, missverständlich ausgedrückt.

  • User: skyeyeliner
  • skyeyeliner 05.11.2001 | 23:00:15

    Jarvis soll endlich was über Scott walker erzählen. was er macht, was ertrinkt, was er von Pulp hält, ob er mal wieder was aufnimmt.

  • User: Londiste
  • Londiste 05.11.2001 | 23:01:29
    dipl. phys.
    bei mir war's die zweite spex, die ich überhaupt gekauft habe. nach der februar-ausgabe. komische zeitschrift. aber das wäre ein anderer thread...

  • User: Londiste
  • Londiste 05.11.2001 | 23:18:50
    dipl. phys.
    musikjournalisten schreiben doch aber sowieso indirekt meist über sich selbst, oder?

  • User: Delphine
  • Delphine 05.11.2001 | 23:23:49

    naja, die spex ist auch eine sehr einsame bei mir...

  • User: Londiste
  • Londiste 05.11.2001 | 23:28:20
    dipl. phys.
    scheinbar geben wenige gerne zu, die spex zu lesen...

  • User: Delphine
  • Delphine 05.11.2001 | 23:34:12

    find ich aber auch komisch....ich hol mir eben wirklich lieber das intro als für eine zeitschrift 8.50 auszugeben..oder "leih" sie mir dann...

  • User: Londiste
  • Londiste 05.11.2001 | 23:41:58
    dipl. phys.
    wiglaf droste hat mal geschrieben, die spex würde auch gurkenscheiben hypen, wenn es ein beweis für die eigene hipness wäre. so sinngemäß.
    um mal wieder auf das eigentliche thema des threads zurückzukommen: mich hat "we love life" spontan auch viel mehr vom hocker gerissen als "this is hardcore".

  • User: tryguy
  • tryguy 06.11.2001 | 09:13:34
    Zu wahr, um schön zu sein
    langsam werde ich ein wenig neidisch, da die neue pulp offensichtlich allen, außer mir, supergut gefällt. ich finde sie ja nicht schlecht, aber die ganz große begeisterung will sich bei mir überhaut nicht einstellen. schade eigentlich

  • User: Delphine
  • Delphine 06.11.2001 | 10:48:28

    try guy!! bei mir steigt sich meine gefallen für das album bei jedemaligen hören...finde immer mehr....das sind die alben die man mehrmals hören muss und dann die schönsten werden....und dieses album ist so empfindsam, so nah....

  • User: CrazyBird
  • CrazyBird 06.11.2001 | 16:00:05
    War nicht so gemeint.
    genau, delphine, meine meinung, wie immer eigentlich fast. und sowieso, hört euch die basslinie im refrain von "The Night That Minnie Temperley Died" an, das ist euphorisch, genial, kathartisch (was für ein scheiß wort) und ja, sowieso. wie fast alle basslinien auf dem album, aber das ist die beste.

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