BEWERTEN
 

Air Liquide

»X«

[Proof! / BMG / VÖ: 22.10.2001 ]

Text: Hendryk Bayrhoffer, Hendryk Bayrhoffer

Sound of Cologne, dieser Genre-Begriff mit dem herzlichen Lokal-Kolorit gilt auch weit über die Stadt-, Land-, Flussgrenzen Kölns hinaus als Mahnmal für elektronische Qualität. Oft auch als Erbe so großer Wegbereiter wie Stockhausen oder gar Can bezeichnet, entwickelte sich die Kölner Strom/Klang-Avantgarde zu einer festen Institution der deutschen, ja, globalen Musikszene. Selbst wenn Air Liquide als Vertreter des Kölner Elektroklüngels schon öfter als das Erbe genannter Grundsteinleger bezeichnet wurden, sollte ein direkter Vergleich zwischen Stockhausens Aleatorik und dem Elektro-Projekt wohlüberlegt sein. Avantgarde vielleicht nicht, aber ein Fortschritt sind sie doch, die innovativen und minimalistischen Spielereien mit elektronischen Klangerzeugern von Ingmar Koch und Cem Oral.

Spielereien? Davon kann hier eigentlich gar nicht die Rede sein, wenn man sich “X” auf dem Seziertisch zu Ohren führt. Denn mal ganz ohne Pathos: Es ist ein eigenständiger und genial-grenzüberschreitender, minimalistischer Modulationsalmanach, den die beiden Kölner zusammenstellen. Nie berechenbar, aber doch passiert alles so, wie man es sich wünscht. Die Tracks sind Grenzgänger und schlagen Brücken zwischen den Stilen. Mellow Rhodes-Tunes bis hin zu Ragga, HipHop-angereicherte Stücke und auch eine Prise einfallsreicher Pop prägen den Charakter von Air Liquide. Worauf es ankommt? Es ist die minimalistische Metaebene, auf der die Musik stattfindet. Der Klang wird begehbar und sogar erlebbar gemacht, ohne ihn verstehen zu müssen. Man hört die Musik weniger in durchdachten Songstrukturen als in dynamischen und modulatorischen Spannungskurven. Veränderungen von Sounds machen den Track und kreieren eine neue Art Song. Vielleicht ist es keine musikalische Revolution, aber doch ein Manifest der Eigenständigkeit und vor allem der Autonomie des Klanges. Somit wird Musik um eine Ebene bereichert, was eindeutig zeigt, dass an ein Ende (von Musik) noch lange nicht zu denken ist.



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